• 16. August 2015 - 10:25
  • namidh
  • Licht und Schatten (15.08.2015)

    „Der Krieg kennt kein Alter“

     

    Es gibt Aussagen, da möchte man am liebsten so lange den Kopf an die Wand schlagen, bis einer von beiden – Kopf oder Wand – blutet. Gott sei Dank gibt der Klügere von beiden irgendwann nach.Aber in Diskussionen geht das leider nicht: Dort regiert, wer am lautesten die Standardschubladen bedient.
    Eine der beliebtesten Schubladen überhaupt ist die, wonach alles, aber auch wirklich alles, immer auf das Alter geschoben wird. Berühmt berüchtigte Aussage: „Es sind ja gerade Ferien“.

    Da schrumpfen einem doch die Testikel und die Galle tanzt Tango. Und wehe, man bittet um Vernunft: Bestenfalls wird man überhört oder gar übertönt.

    Heute gibt es diese Option nicht, Heute ist Tag der Abrechnung. Und wie damit abgerechnet wird. Fangen wir also an…

     

    Es gibt dort draußen eine Vielzahl von Spielern und jeder hat seine Vorstellungen davon, wie man die Welt um sich herum einzuordnen hat, damit diese besser und schneller funktioniert. Das hat ganz pragmatische Gründe: Ein einfaches Weltbild hilft, sich zurechtzufinden. Das Problem ist nur, dass die Welt komplex ist. Zunächst ist sie mal rund und wenn man etwas Großes, Rundes in eine Schublade schieben will, muss man etwas zerren und drücken, manchmal etwas stutzen und schon hat man…

    … ja was? Richtig: Ein falsches Weltbild. Das hat mit der Realität kaum etwas zu tun.

    Daher kommen besonnene Menschen auf die Idee, das Runde aus dem Eckigen heraus zu holen und es von allen Seiten um das zu ergänzen, was dazugehört. Das geht auch ganz gut, wobei die Bauanleitung für dieses Weltbild „Empathie“ heißt – also die die Fähigkeit, sich in andere hinein zu versetzen, die Welt durch ihre Augen zu sehen.

     

    Warum das aber einigen Menschen gerade im Internet und insbesondere im Zusammenhang mit dem Alter schwer fällt, mag sich mir nicht erschließen. Fehlen die Enzyme? Wurde man in der Kindheit von einem Trecker angefahren?

    Gerade in MMOs wird jedes unangenehme Verhalten vor allem vermeintlichen Kindern in die Schuhe geschoben:

    • – Die Preise im Auktionshaus zu niedrig? Kinder!
    • – Dämliche Aussagen im Chat? Kinder!
    • – Brennende Hobbits? Kinder!
    • – Sauron? Kinder!
    • – Unsoziales Verhalten ganz allgemein? Kinder!

     

    Ernsthaft: Wäre der zweite Weltkrieg ein MMO gewesen, man hätte den 1. September den Kindern in die Schuhe geschoben.

     

    Dass das völliger Schwachsinn ist, ist klar. Aber diese Erkenntnis haben wir den Geschichtsbüchern zu verdanken – also besonnen Menschen die nachgeforscht haben. Oh und weil der zweite Weltkrieg wirklich kein MMO war. Aber das nur nebenbei

    Natürlich ist nicht von der Hand zu weisen, dass Kinder zu kindischem Verhalten neigen. Deswegen heißt es auch „kindisch“. Doch dieser Klassenkampfbegriff wird einem Kind in aller Regel auch nicht vorgeworfen, sondern eher Erwachsenen, die sich nicht ihrem Alter entsprechend verhalten.

    Und zum nötigen Reifegrad gehört dazu, dass man differenziert. Das ist unsere Pflicht, damit wir Erwachsenen eben nicht als „kindisch“ gelten. Kindern vorzuwerfen, sie seien kindisch, ist so, als würde man im Sommer wütend seine Hand gen Sonne heben und laut „Verdammte Leuchtkugel da oben, du bist aber auch sonnig“ brüllen.

    Ja, Kinder sind kindisch, aber nicht generell und zu jeder Zeit. Rückblickend betrachtet habe ich selbst vor einigen Jahren anders gedacht und gehandelt – auf eine Weise, die mir heute fremd erscheint. Man lernt Besonnenheit, Impulskontrolle, man lernt seine Grenzen.

    Doch war ich zu keinem Zeitpunkt so, wie es im Chat gerne Kindern unterstellt wird und mir sind einige – nicht pathologische – Fälle bekannt, wonach der Vorwurf des kindischen Verhaltens nun wirklich nicht angebracht gewesen wäre. Schon deswegen muss General Keule seine Schubladenkommandanten zurückrufen: Der Krieg ist abgesagt, Leute.

     

    Die Kampflinie verläuft nämlich nicht zwischen Jung und Alt, sondern zwischen Unreif und Reif. Das mag zwar eng mit dem Alter korrelieren, doch muss es nicht. Allein die Tatsache, im Alltag für komplexe Sachverhalte taube Ohren zu haben und beispielsweise alles in Kind oder Erwachsen zu reduzieren, zeugt von dem Maß kindischem Verhalten, das man anderen wiederum vorwirft. Anders gesagt: Wer sich auf einer Ü30-Party bis zur Besinnungslosigkeit zusäuft und Monate später mit dem Ergebnis eines ungeschützten One-Night-Stands vor den Trümmern seiner Selbstkontrolle steht, hat jedes Recht verwirkt, den Kopf zu schütteln wenn Kinder sich entsprechend benehmen.

    Wenn ich in den Chats lese: „Heute sind besonders viele Kinder unterwegs“, während ein Sippenmitglied, das deutlich über 20 ist, mit dem Namen „Scheidenpilz“ das PVP unsicher macht, dann habe ich den ultimativen Beweis dafür, wo die Trennlinie wirklich verläuft: zwischen denen und mir. Und das galt schon vor über 20 Jahren.

     

    Vor weniger als 20 Jahren ist mir ein Fall zu Ohren gekommen: Da hat ein Mann, in den Vierzigern, wortlos die Sippe verlassen. Auf wiederholte Nachfrage hin kam heraus, dass er mit der Gesamtsituation unzufrieden war. Aber gesagt hat er nie was.

    Um die 40, Vater von Kindern, verheiratet, mitten im Leben, benimmt sich in etwa so, wie man es von Kindern erwartet.

     

    Ein anderer Fall betrifft jemanden, der auch deutlich älter als 20 ist. War Leiter einer Gilde, zu allen freundlich, gut vernetzt. Hat am Vatertag zwischen 4 und 6 Uhr morgens die Gildenbank geleert, alles verkauft, die Gilde aufgelöst, alle Kontakte in Skype und Battle.Net beendet, ist abgehauen.

     

    Von den Leuten, die sich in Spielen und sozialen Netzwerken Phantasiegeschichten zu ihrem RL ausdenken, fange ich erst gar nicht an. Oder von denen, die grundsätzlich alle Preise im Auktionshaus nochmals unterbieten um ihre Ware loszuwerden, selbst wenn es sich um Verbrauchsgüter handelt, die weggehen wie warme Semmeln. Oder Spieler, die schüchternen jungen Frauen einen Raidplatz ermöglichen statt dem gut ausgebildeten Spieler, der ewig auf seine Chance wartet, bloß weil die Testikel Herr der Lage geworden sind?

     

    Was ist mit dem Spieler, der auf eine lange FAQ zum Thema Rollenspielserver, bzw. wie man erst gar nicht aneckt, ein infantiles „muss ich das alles lesen“ erhält, anstatt das eigentliche Anliegen dahinter zu begreifen? Was ist generell mit der Herde gesichtsloser aber teils anerkannter Internettrolle? Manche von denen pieksen auf Kleinkinderniveau, sind aber geimpft und seit Jahrzehnten geschlechtsreif?

     

    Wenn das nicht kindisches Verhalten ist, dann weiß ich es auch nicht. Und genau das ist der Knackpunkt: Man kann es nicht aufs Alter münzen. Schon gar nicht die Ferienzeit, die auch gleichzeitig immer Urlaubszeit ist. Ursache und Wirkung – zwei Dinge, die man nicht verwechseln sollte – wäre ja sonst auch kindisch.

     

    Das Alter mag entsprechende Symptome ausprägen: geschenkt. Aber vom Symptom allein kann ich nicht automatisch aufs Alter schließen. Wird aber gerne gemacht, gerne auch in der Herde, wo sich manche peinlicherweise eher wie Tiere als wie Kinder verhalten. Und im Zweifelsfall sind Kinder einem dann doch lieber.

     

    Oder wie wäre es, zur Verdeutlichung, mit folgendem Bild: Kleinkinder können wahre Krankheitsschleudern sein, aber das bedeutet nicht, dass jedes Kita-Kind automatisch krank ist. Im Gegenzug würde ich jeden Kollegen, der krank zur Arbeit kommt, am liebsten an die Wand nageln.

    Umgekehrt kann ich den Symptomen eines Magen-Darm-Virus nicht ansehen, ob es vom Kind oder Erwachsenen kommt. Was ich aber weiß is, dass mich die Krankheit buchstäblich ankotzt. Und das ist auch völlig legitim, dagegen sagt niemand was.

     

    Aber gegen übereilte Feldzüge gegen alles, was dem Papier nach nicht erwachsen ist, schon. Und im Krieg gibt es nur eine, leider traurige Wahrheit:

    Krieg kennt kein Alter. Wäre es so, wäre die Welt erwachsener.

     

    Ist sie aber nicht.

     

    Also hört auf, euch selbst wie Kinder zu benehmen. Steht auf, werdet selbst erwachsen und lasst eure Schubladen zuhause. Damit die Welt erwachsener wird. Lernt die Kunst des Differenzierens, schlagt nach was Mitgefühl und Einfühlungsvermögen ist und lasst euch nicht von Angst und Frust leiten.

    Das unterscheidet euch vom Kind, nicht die Zahl auf dem Papier, nicht eure Jahresringe unter den Augen.

     

    Und schon gar nicht infantiles Verhalten.