• 22. August 2015 - 10:42
  • namidh
  • Licht und Schatten (22.08.2015)

    Ein Heim für Flüchtlinge“

     

    Bald ist wieder Völkerwanderung angesagt: Lotro schließt einige Server. Mancher hatte es schon vor langer Zeit geahnt, während andere darum baten, keine Weltuntergangsstimmung heraufzubeschwören, während die Party so gut lief. Ist ein wenig wie beim Klimawandel eben.

    Aber nun haben wir den Salat: Allen nordkoreanischen Gute-Laune-Zensurbekundungen zum Trotze, haben wir das Ding auf dem Tisch: Serverzusammenlegungen. Und die Älteren unter uns werden sich daran erinnern: Wann immer etwas zusammengelegt wird, gibt es hin und wieder Reibereien, Diskussionen um Animositäten. Manch einer fragt sich, ob es Begrüßungsgeld gibt. Andere bieten Bananen an – es gab sie ja nicht auf Vanyar. Wiederum andere zelebrieren eine richtige Willkommenskultur, während manche sich zusammenschließen um Auffanglager in Brand zu stecken. Jaja, die bösen Auktionshausflüchtlinge! – sollen die doch auf ihren Servern bleiben, ey, mir doch egal wenn die geschlossen werden. Aber echt!

     

    Gott sei Dank wurde noch nicht jeder Spieler als Kind zu lang mit dem Kopf hinab gebadet. Mehrheitlich freut man sich auf die Neuen, aber als Neuer fragt man sich natürlich: Zu welchem Server darf ich wandern? Was wird mir geboten?

    Nun, meistens Kopfschmerzen und Tränen. Aber wollen wir einmal zusammenfassen, was es überhaupt für Server gibt. Nicht nur im Herrn der Ringe Online, sondern auch anderswo. Fangen wir also an mit dem…

     

     

    RP-Server

    RP steht hier für „Rollenspiel“, kann aber auch genauso gut für „Runterputzen“ oder „Regelmäßige Polizeikontrollen“ stehen. Rollenspielserver sind ungefähr das, was bleibt, wenn man Fruchtsaftkonzentraten die Flüssigkeit nimmt: Das Rollenspiel ist auf den MMORPG-gedanken eingedampft worden, es bleibt der goldene Rollenspielschuss.

     

    Wer die volle Dröhnung Liebe, Heiterkeit aber auch stereotypische GZSZ-Marienhinterhof-Sexstorys im tänzelnden Porny liebt, wird nicht drumherum kommen, diesem Server eine Chance zu geben. Die mittlere Euchse-und-Ihrse-Frequenz liegt bei 30 pro Sekunde. Die Häufigkeit der RP-Streitigkeiten tendiert zu einem ähnlichen Wert. Echauffieren ist für diese Blockwartkolonie ein Volkssport, so wie das Schreiben von Tickets. Erinnert ein wenig an die mürrische alte Dame, die am Fensterbrett die spielenden Kinder betrachtet.

     

    Aber Rollenspielserver haben nicht nur gute Seiten: Tagtäglich werden dort Menschen wegen unnötiger Dinge belästigt.

    So gab es mal einen Spieler, nennen wir ihn Henry, der hatte beim Interagieren mit NPCs die Angewohnheit, in ihnen zu stehen. Sofort schrien alle auf: „Ohoo, könntest du da mal raus? Auch andere wollen mit dem NPC reden“. Manch einer drohte mit dem Gartenzwerg-Paarungsruf: „TICKEEEET!“.

    Aber niemand wusste, dass Henry auch im richtigen Leben Menschen beim Ansprechen regelrecht ansprang: Henry ist nun mal ohne ein Gefühl für die intime Instanz geboren worden. Als wir uns kennenlernten, sprang mir Henry in die Arme und stellte sich vor. Als ich ihm die Hand reichte, fiel er runter. Dies ist der Grund, warum Henry nicht viele Freunde hatte und ihm nur das Spiel blieb.

     

    Auch sonst werden Spieler auf einem RP-Server häufig zu Unrecht verfolgt. Eine treue Gefährtin, sie hieß Rosette Lochfraß, war ganz erstaunt, als sie eines Tages plötzlich statt ihres Namens eine wirre Ansammlung von Konsonanten trug, zusammen mit einem Brief vom GM, dass sie die Vokale ja im Shop nachkaufen könne. Erstaunlich, wenn man bedenkt, wie lange Rosie mit ihrem Namen herumlief. Findet auch alter Bekannter, der seinen Namen immer noch trägt: „Kevin Kochbusen“.

    Dieser proaktiven Namenssäuberung ist es zu verdanken, dass manch einer nur der Namen wegen zu den RP-Servern zieht. Diese Menschen nennt man übrigens „Namensflüchtlinge“ – nur, falls einer der Hetzer noch einen Kampfbegriff benötigt.

     

    Doch davon abgesehen haben RP-Server auch etwas Positives. Die bereits erwähnte Polizei sorgt für Zucht und Ordnung. Erst letzte Woche wurde ein nicht vorschriftsmäßig durchgeführtes Emote durch sanfte Anwendung von Großbuchstabenmeldungen in allen Channels sofort gemeldet, dreihundert Tickets später war der Delinquent mit Stumpf und Stiel ausgerottet.

    Wer sich aber die am Eingang angetackerten 99 Thesen durchliest und beachtet, wird auf dem RP-Server seine wahre Freude haben und wer weiß, vielleicht bald Teil einer Vergiftungsgeschichte sein?

    Oh und natürlich gibt es auch auf RP-Servern Raids und Gruppenunternehmungen. Ich möchte an dieser Stelle mit dem gängigen Vorurteil aufhören, RP-Server hätten dahingehend nichts zu bieten: Das ist falsch. Erst letzte Woche wurde Moria beendet. Bei dem Tempo ist man in ungefähr drei Wochen im Düsterwald angekommen. Na denn: Auf auf, tapfere Recken!

     

     

    PVE-Server

    Wer genug von der Astloch-Paarung auf RP-Servern hat, den zieht es dorthin, wo die richtigen Spieler sind: PVE-Server.

    PVE ist das Designerbaby für Raider. Es ist eine gedopte Version vom MMORPG-Gedanken, reduziert auf eine Rollenspielversion von Diablo 3, nur mit etwas mehr Content und höherer  Chance, auf Vollidioten zu treffen.

    PVEler sind ein Völkchen für sich. Sie tragen Namen wie „Analbirne“, „Steifimschritt“ und mein Liebling: „Lord Wanderhure“. Kreativität zeigt sich auch bei der Namensfindung für Gemeinschaften: „Die dreckigen Slipeinlagen“, „Blackcock Down“ sowie „Hier könnte Ihre Werbung stehen“. Absoluter Favorit: „Sucht keine Sippe“. Nach „Doppelhaushälfte“ und“ Herrenloses Damenrad“ ein genialer Name!

     

    Vor jedem NPC wird ein Wettrennen veranstaltet, wer am nächsten in ihm stehen kann. Wo das PVP nicht in Käfighaltung erfolgt, trollt man sich zusätzlich durch Markieren als PVP-Spieler in der Hoffnung, jemand möge aus Versehen ihn angreifen – da würden selbst die Teletubbies sagen, dass ihnen das zu albern sei. Aber das ist PVE in Reinkultur.

     

    PVE-Spieler unterhalten sich auch ungern in ganzen Sätzen. Nie darf man Zeit verlieren: Die Kunst besteht darin, innerhalb kurzer Zeit möglichst viele Informationen unterzubringen. Diese Glosse könnte ein PVE-Spieler in nur vier Buchstaben zusammenfassen: tl;dr. Effizient, nicht wahr? Aber so ist das: Wer Relativsätze verwendet, darf nicht selten ein „Das ist ein PVE-Server, du Arschmade, geh RP, dich versteht hier keiner“ kassieren. Völlig richtig: Denn ganze Sätze sind mal sowas von späten 90ern.

     

    PVE-Spieler kennen kein RP, sondern dies aus ihrem Volkskörper aus. Was auch abgesondert wird sind schlechte Spieler, darum versammeln sich auf PVE-Servern nur die besten der besten der besten! Gute Raidspieler, noch bessere Raidspieler und die Elite. Die Hoffnung darin: Eines Tages wird man die Pro-Artigkeit erkennen und ihre Raids live senden! Und sei es nur zwischen zwei Brüsten nachts im Free-TV!

    Jetzt schon versuchen sich Spieler darin, wirklich jede Bewegung ihres Torsos zu senden. Die Mischung aus lauter Musik, Fips-Asmussen-Witzen und verwackelter Bilder wild umherhüpfender Spieler nennt man „Stream“. Gerade auf PVE-Servern liest man Ankündigungen wie „Heute auf Twitch: Wir töten Sauron, danach befreien wir das Imperium und am Ende wird Ronny Ruckelschritt wieder sterben, haha, watn Spaß. Und die ersten zwanzig, die ohne Schnarchen bis zum Schluss aktiv sind, erhalten einen Flughafen dazu. Ebenfalls neu: Geheime Infos zum nächsten Patch, darf ich nicht sagen, aber wir sind das Spielervolk. Freiheit für alle – schaltet ein!“…

     

    …. dann doch lieber Abschalten.

     

     

    Zurück zum Thema:

    Das PVP auf RP-Servern ist auch nicht anders als das auf RP-Servern. Dort wie hier tummeln sich die selben Menschen, die auch sonst tagsüber stocksteife konservative Schlipsträger sind, während sie sich nachts gerne von einer Frau nackt mit den Geschlechtsmerkmalen an die Heizung tackern lassen. Es ist die Suche nach Nonkonformität – nur, dass dies auf PVE-Servern ein Allgemeinzustand ist. Der siebte Kreis der Hölle ist das PVP auf einem PVE-Server daher wirklich nicht.

     

     

    PVP-Server

    Der siebte Kreis der Hölle.

    Wenn man je einen Beweis dafür gesucht hat, dass Gott die Welt verlassen hat, dann sind PVP-Server nach dem finsteren Mittelalter der beste Beweis.  Nur die dunkelsten aller Kreaturen sammeln sich hier. Mörder, Terroristen, Helene-Fischer-Fans: Alles, aber auch wirklich alles, was die menschliche Seele als Abgrund zu liefern hat, hat hier ein Zuhause.

     

    Dieser Server ist so böse, dass er buchstäblich von allen guten Geistern verlassen wurde. Selbst Sauron wurde hier gekündigt – Zeugnis: „Er hat sich redlich bemüht, böse zu sein“.

     

    Niemand mag den PVP-Server, niemand liebt ihn.

    Wenn irgendwo auf Namensregeln gepocht wird, ist es der PVP-Server, der als erstes ausgeklammert wird. Wenn irgendwo unfaires Spiel durch Exploits oder Dauertötung am Friedhof Thema ist, wird der PVP-Server explizit als Ausnahme erwähnt. Himmel: Selbst in den Nutzungsbedingungen steht geschrieben, dass die Genfer-Konventionen für PVP-Server ausgesetzt worden sind.

     

    Hier, im virtuellen Guantanamo, wo sich Häftling, Wärter und Autobatterie „gute Nacht“ sagen, gibt es eigentlich keinen ernsthaften Grund, auf das Edle im Menschen zu pochen. Dies ist die Brücke aller Trolle dort draußen. Wer immer auf Fairness hofft, kann auch in der Kloschüssel nach Gold suchen. Jeder kann ständig angegriffen werden, die Paranoia ist ein dichter Nebel. Kinder verspeisen ihre Mütter aus Angst, bald Opfer zu sein!

     

    Bei der Namensfindung ist alles erlaubt. Vom „Darkkillaz“ über „Meuchelmörder“ hin zu „Trompetentony“ ist alles dabei. Anders als beim RP-Server, wo jede zweite Gemeinschaft irgendwas mit Licht oder Ritter oder Recht oder Wahrheit im Namen trägt, heißen die Communitys hier irgendwie besonders gefährlich oder besonders lustig. Jedenfalls geht es ums Extreme und das ist der wohl wichtigste Punkt. Mittelmäßigkeit ist was für PVE- oder RP-Pussies.

     

    Auch hier kommuniziert man kurz und direkt. Für Nettigkeiten ist kein Platz, das ist was für Schwache. Auf einem PVP-Server ist nur Platz für Männer oder Frauen, die sich zwischen zwei Bodybuilding-Runden Testosterontorpedos reinpfeifen. Für Mamasöhnchen gibt es, wie bereits erwähnt, andere Server.

     

    PVE findet auf PVP-Servern natürlich auch statt, nur gehört es zum Paarungsritutal dazu, sich vor jedem Instanzeingang zu becampen, selbst wenn die meisten auf das Zerg-PVP gar keinen Bock haben.

    Dies ist auf eine unglückliche Kombination aus übergroßen Testikeln und Herdentrieb zurückzuführen. Wie bei einer Kneipenschlägerei, die am Ende in einen Bürgerkrieg ausartet, gibt es zuerst Hans-Adolf, der unbedingt irgendwen anprügeln muss. Daraufhin heilt Heinrich den Angeprügelten, was aber Jospeh nicht so pralle findet. Es artet aus und irgendwann, wann der Raidleader schon gar keine Stimme mehr hat, geht der eigentliche Raidspaß los.

    Um diese Verspätung auszugleichen, werden eigentlich für 20 Uhr geplante Raids bereits um 14 Uhr angesetzt.

     

     

     

    PVP-RP-Server

    Der Server für Feingeister. Im Grunde so wie PVP-Server, nur dass man vor jedem Trollen nett begrüßt und nachher ordentlich begraben wird, mit anschließender Trauerfeier und dem daraufhin folgenden Meucheln aller Teilnehmer. Es ist der Versuch, etwas Nettigkeit in den ansonsten tristen Alltag zu bringen.

    Da aber weder RP-Spieler besondere Lust auf die PVP-Trolle, noch die PVPler Lust auf die RP-Gartenzwerge haben, findet das Paarungsmeuchelritual entweder auf einer sehr persönlichen Ebene oder, bestenfalls, gar nicht erst statt. Nicht selten sind dies daher die ersten Server, die geschlossen werden. Beide Welten passen nicht wirklich zusammen. Das ist eben das Leben, nicht alles passt zusammen: Die Eissorten Bier-Bärlauch, Mango-Seestern und Humus-Hummel gibt es nicht ohne Grund nicht.

     

     

    Fazit

    Dies waren erst einmal die wichtigsten Serverarten. Für jeden ist etwas dabei und natürlich muss man sich etwas einlesen. Wichtig ist aber, dass man sich vor Augen hält, dass wenn man stets vom Schlimmsten ausgeht, kaum ein Zuhause das Richtige ist. Gerade in einem MMO sind es die Menschen, die entscheiden, ob man sich heimisch oder fremd fühlt. Das fällt schwer, wenn man mit Brandbomben begrüßt wird – aber dann darf man sich nicht wundern, wenn man ausstirbt.

    Auch darf man nicht den Fehler machen, sich von denen abschrecken zu lassen, die besonders schillernd sind. Von den Lauten auf alle zu schließen wird der Sache nicht gerecht und unter all der übelriechenden Gülle ist manch duftende Rose gewachsen.

     

    Man muss ihr nur eine Chance geben.