• 29. August 2015 - 10:48
  • namidh
  • Licht und Schatten (29.08.2015)

    „Gibt es intelligentes Leben in den Weiten des Gruppenfinders?“

     

    Ich blicke in manchen Momenten zum Himmel und überlege, wie es wäre, den Planeten zu verlassen. Einfach so, in einer Kapsel, weit weg von zuhause, auf der Suche nach einer neuen Heimat. Vielleicht gibt es ja irgendwo intelligentes Leben? Ich bezweifle nämlich, dass es auf der Erde genug davon geben mag. Und noch weniger in den endlichen Weiten des Gruppenfinders.

     

    Aber eins nach dem anderen: Wollen wir kurz klären, was Gruppenfinder überhaupt sind.

    Gruppenfinder sind Werkzeuge, deren einziger Zweck es ist, Spieler zusammen zu bringen um von überall auf der Welt schnell einen kleinen Sprung in die nächstbeste Instanz zu unternehmen.

    An sich eine praktische Angelegenheit – sollte man meinen: Immerhin kann jeder von überall mitmachen, ohne sein Gesuch zigmal durch alle Kanäle spammen zu müssen. Um die passende Gruppenzusammensetzung nach der Heiligen Dreifaltigkeit bestehend aus Tanks, Heiler und DDs kümmern sich diese Werkzeuge in vielen MMOs auch. Wo es die Tank-Heiler-DD-Struktur nicht gibt, wird zusammengeworfen, was zumindest den Gruppenfinder bedienen konnte, ohne dabei zu sehr aus dem Mundwinkel zu sabbern

     

    Jedenfalls sind diese Gruppenfinder durchdacht und nützlich. Das Problem, wie immer:

     

    Der Mensch.

     

    Wirklich: MMOs könnten so viel schöner sein, wenn der Mensch nicht wäre. Menschen nerven, wirklich. Und das Problem ist nicht mal die Tatsache, dass sie nerven – sie können nichts dafür, es sind eben Menschen. Das Problem ist, dass es sie einfach gibt.

    Dabei habe ich wirklich versucht, sie zu verstehen: habe sie studiert, analysiert. Ich habe mir kleine Diagramme gezeichnet, aber egal was ich unternehme: Ich werde sie nie begreifen. Und warum? Weil Menschen blöd sind. Und während man normalerweise versucht, zumindest in freier Wildbahn den lautesten Idioten auszuweichen (was keine Schwierigkeit darstellt, weil sie ein Schild um den Hals tragen, das sie als Idioten outet), werden diese dem Spieler im Gruppenfinder zugewiesen. Und es gibt da die verschiedensten Idioten…

     

     

    Variante 1: Der Ungeduldige

    Dieser Idiot, den ich nur zu gern als Ritalinjunkie bezeichne, ist das, was übrig bleibt, wenn einem der Lehrer nicht oft genug mit dem Lineal eins übergebraten hat.

    Wohlgemerkt: Ich bin gegen Gewalt an Kindern. Aber es gibt Augenblicke, da würde man am liebsten das Kind und die Erzeuger auf eine einsame Insel mit ihresgleichen verbannen. Doch man macht es nicht und was ist die Quittung?

    Richtig, man darf via Gruppenfinder die personifizierten Erziehungsfehler korrigieren. Der Ungeduldige ist dabei recht anstrengend, denn er verliert keine Zeit.

     

    Er springt in die Instanz und das erste, was er macht ist, ständig damit zu nerven, warum nicht der nächste Gegner geholt wird. Das signalisiert er dadurch, dass er ständig vorrennt und zu zaubern beginnt, während der Tank keuchend hinterherdackelt in der Hoffnung, er möge bald einfach umfallen und sterben.

     

    Der Ungeduldige fackelt nicht lange, er ist ein Macher. Er peitscht die Meute an, er weiß alles besser. Sein Gehirn schaltet schneller als das der anderen, er ist wie ein Autobahnfahrer, der vier Tage am Stück 200 Sachen gefahren ist und sich dann wundert, wieso er in der Ausfahrt plötzlich die Leitplanke knutscht.

    Der Ungeduldige weiß eben, wie es geht und wer es nicht weiß, der kann am besten gestern schon von der Gruppe gekickt werden.

     

    Der Lieblingssatz des Ungeduldigen ist: „Was dauert hier so lange“ – weniger als Frage, mehr als eine Art Weckruf. Sie sind die ersten, die nach einem Wipe die Gruppe verlassen in der Hoffnung, irgendwo komme irgendwann die bessere Gruppe. Dafür nimmt der Ungeduldige auch gerne Wartezeit in Kauf – na wenn das keine Ironie ist…

     

     

    Variante 2: Der Blümchenpflücker

    Raser auf der Autobahn, die links und rechts überholen und sich für die Nachgeburt von Senna, Schuhmacher und Konsorten halten, sind schon schlimm. Aber die, die mit Tempo 120 auf der Überholspur dahinkriechen sind der Grund, warum man sich gerne vormontierte Waffen an die Karre wünscht. Nur zu gerne würde man diese sanft, aber bestimmt von der Straße ballern.

     

    Genauso gerne feuern würde man die Blümchenpflücker. Ich habe diese Menschen furchtbar lieb – sie sind übervorsichtig, zurückhaltend und begutachten liebevoll die Bodentexturen, während sie sich Notizen für ihr Pony-Tagebuch machen.

     

    Schöne Sache. Das Problem ist, dass Gruppenfinder Instanz-Quickies sind. Wer sein Gegenüber küssend in die nächste Toilette rammt, stoßt sie nicht nach hinten um dann: „Los, erzähl mir was über deine Familie, dein Leben, deine Sehnsüchte, du Sau!“ zu brüllen.

     

    Aber genau das machen die Blümchenpflücker: Sie sind nicht nur äußerst langsam, gehen zwischendurch AFK oder führen inmitten einer Belagerung durch Spinnen eine Unterhaltung über die neue Robenmode des Sommers 2015. Nein, sie haben dies zu einer Religion erhoben, setzen sich für Entschleunigung und homöopathisches Spielen ein.

    Blümchenpflücker sind das natürliche Anti-Aphrodisiakum, sind Omas Stützstrümpfe in der Ehenacht. Nach den übertakteten Schnellschuss-Spielern sind die Bremsklötze meine liebste Gruppe. Aber sie sind nicht das personifizierte Böse.

     

     

    Variante 3: Die Unvorbereiteten

    Darf ich vorstellen: Das personifizierte Böse.

     

    Die Unvorbereiteten sind nicht die, die zunächst wenig über eine Instanz wissen: Sowas ist normal, kommt vor, jeder muss lernen, etc. pp.

    Nein, die Unvorbereiteten sind jene, die eine unglückliche Kombination aus Unwissenheit und schlechter Ausrüstung mitbringen. Sie wissen, dass sie die schwere Variante einer Instanz gewählt haben, sie wissen, dass sie in den Krieg gegen Terminatoren ziehen werden und haben eine Steinschleuder und einen Monokini dabei. Es gibt Spieler, die werden zwischendurch von umherfliegenden Holzssplittern erschlagen und heulen dann dem Tank und dem Heiler die Taschentücher voll, warum sie schon wieder gestorben sind. Sie wissen nichts, lesen nichts, haben sich aus Spaß gelistet. Sie sind wie Gelegenheitsfahrer, die in einen Formel-1-Wagen steigen und auf der Strecke die Durchfahrt einer Spielstraße üben.

     

    Wer wider besseren Wissens eine Instanz betritt, von der er weiß, dass er ausrüstungstechnisch hoffnungslos unterlegen ist, macht dies – von gelegentlichen Ausrutschern abgesehen – nur aus einem Grund: Er ist eine Zecke, die sich von der Geduld anderer ernährt. Das klappt auch solange gut, solange es Menschen gibt, die immer wieder erneut an das Gute im Menschen glauben. Doch wehe ihm, wenn er auf Variante 4 stößt

     

     

     

    Variante 4: Der Progamer

    Progamer wissen alles besser, sind meistens auch noch ungeduldig und geben ihr Wissen erst nach dem Wipe weiter – wenn überhaupt. Sie geben sich nur aus Langeweile mit dem Gruppenfinder-Pack ab, spielen jedoch in ihrer eigenen Liga. Sie mögen Menschen nur, wenn alles genauso routiniert durchgeführt wird wie in seinen Stammgruppen.

     

    Leider ist der Programer mental häufig verkalkt. Für alternative Taktiken ist er kaum zu haben, weil das furchtbar ineffizient wäre. Das bedeutet auch, dass diese Personen die ersten sind, die nach einem Wipe die Gruppe verlassen, noch bevor jemand die Frage stellen kann, was man optimieren könne. Selbst wenn es gelänge, spielte das keine Rolle, denn der Progamer teilt sein Wissen nur ungern weiter – teils aus Faulheit, teils auch aus der Angst heraus, das einst erworbene, ja hart erarbeitete Wissen würde in die Hände von Ungläubigen gelangen. Gott bewahre, dass das jemals geschieht!

     

    Man stelle sich nur vor, die Bauern würden die da oben verstehen und sich erheben. Das ganze System wäre in Gefahr! Besser ist es, rechtzeitig zu gehen!

     

     

    Variante 5: Die Holzkatze

    Dieser Spieler stammt von Bergen ab. Seine Bewegungsabläufe kennt man auch unter dem Begriff der tektonischen Plattenbewegungen. Die Tatsache, dass diese verkrusteten Holzkatzen die Reaktionszeiten von komatösen Faultieren haben, ist gerade in Kämpfen, in denen schnelle Reaktion notwendig ist, eher für die Gruppe von Nachteil.

     

    Dabei unternehmen die Entwickler alles, damit der Spieler weiß, wann er sich wegbewegen muss: Bosse rufen vorher, sie machen bestimmte Bewegungen, legen sogar Kreise. Himmel, fehlt nur noch, dass ein Polizeiwagen mit Sirene neben einem hält und ein Absperrband um den Kreis setzt – alles begleitet von einer Musical-Nummer, versteht sich.

     

    Aber selbst dann würde der auf seine Nase schielende Jäger, der gerade einen schweren Stein an die Birne geschossen bekam, zehn Minuten später „Au“ rufen und dann langsam rückwärts umkippen.

     

    In der freien Natur würden diese Wesen aber lange überleben. Kein Jäger würde eine Beute angreifen, die so offensichtlich beschädigte Ware ist, dass sogar die eigene Verdauung retardieren würde.

     

    Da jagt man lieber die nächste Variante…

     

     

    Variante 6: Der Besserwisser

    Diese Schublade kennt man. Darf ich vorstellen: Schlaubischlumpf. Dieses Wesen ist häufig ein Eunuch: Er weiß zumindest wie es geht, ist aber ansonsten weder reaktionsschnell, noch flexibel. Er kennt zu jeder Ecke eine passende Anekdote, er hat sich verschiedene Guides zu allen Bossen gelesen und er behält dies alles leider nicht für sich.

     

    Er ist die Antwort auf eine Frage, die nie gestellt wurde. Er ist der Rotstift des Lehrers. Er ist der überpräzise Fahrlehrer, der einem gerne ins Lenkrad greift. Trotzdem kann er es nicht, er weiß es nicht und weil er häufig auf /ignore-Listen wandert, wird er es nie besser wissen.

     

    Doch manchmal erfährt er es doch. Wenn er nämlich noch vor dem Kick ein letztes Mal angeschrien wird von der…

     

    Variante 7: Der Choleriker

    Niemand weiß, woher dieser Typus kommt: Nordkoreanischer Militärkader, Stasi-Ausbildungslager, PVP. Was man aber weiß ist, dass er ein Organ hat, das selbst geschriebene Wörter geschrien wirken.

    Er regt sich auf, einfach des Aufregens wegen und verliert dabei vor lauter Wut den Fokus auf die Ereignisse auf dem Schirm. Da er sich selbst aber nie anbrüllt, sondern immer nur andere, macht ihn das für die Gruppe so wertvoll und konstruktiv wie russisches Roulette mit einem vollen Magazin als Erziehungsmaßnahmen an Schulen.

     

    Häufig trifft man diese Variante in Kombination mit den bisher genannten. Der Homo Cholericus führt sonst ein ruhiges Dasein im Schatten der guten Spieler. Aber wehe, wenn etwas schief läuft. Da hat der Popo aber Kirmes und das Trommelfell macht den Breakdance.

     

     

    Fazit

    Die ideale Gruppe zu finden ist in etwa so wie Planeten in der habitablen Zone zu finden. Für die Nicht-Astro-Fans unter uns: Das ist der schmale Grat im Weltall, in dem Leben entstehen kann: Nicht zu weit weg  und nicht zu nah an der richtigen Sonne, geschützt von großen Kometenfängern, Wasser, richtige Masse des Planeten selbst, stabile Umlaufbahn über viele Millionen Jahre, usw.

    Wer meint, sowas sei im Gruppenfinder die Regel hat leider Pech gehabt, der wird nie glücklich werden.

    Fakt ist, dass Gruppenfinder-Instanzen am besten nur von solchen Menschen besucht werden, die in der Lage sind, Dinge zu erklären, diese auch erklären wollen und dabei die nötige Geduld aufbringen, ggf. auch einen Austritt bei hoffnungslos minder ausgerüsteten Spielern einzuplanen.

     

    Wer sich das alles vornimmt und umsetzen kann, ohne dass ihm ein Äderchen platzt, der ist mit dem Gruppenfinder bestens bedient. Der Trick besteht nicht darin, die beste Gruppe zu finden, sondern sich darauf einzustellen, jedes Mal sich die Routine erneut zu erarbeiten. Es sind eben fremde Gesichter und wer das nicht begreift, wird auch immer wieder enttäuscht werden.

     

    Wer diese Gefahr nicht eingehen mag, sollte am besten gleich zuhause bleiben, statt ziellos im All umherzujagen und nie etwas zu finden…