• 6. September 2015 - 10:52
  • namidh
  • Licht und Schatten (05.09.2015)

    „Das Auktionshausspiel“

    Was haben Lotro, WoW, SWToR und die Mafia gemeinsam? Richtig: eine solide Geschäftsgrundlage, nette Menschen und jede Menge Spaß in der Freizeit.

    Damit auch jeder Spaß in der Freizeit haben kann, gibt es interessante Freizeitaktivitäten. Da wäre zum Beispiel das Töten von Gegnern, das Aufbessern der eigenen Finanzen durch die Jagd nach Beute und das Bilden von Familien. Gut, bei der Mafia wird man selten die GMs anrufen um lästige Gegner zu neutralisieren, da regelt man die Dinge selbst – doch sonst gibt es viele Gemeinsamkeiten.

    Eine weitere ist das Mitmischen im Auktionshaus und was in MMOs für Subjekte herumwandern, ist allein schon um ein Vielfaches krimineller als das wahre Leben. Willkommen in der wunderbaren Welt der Auktionshaus-Wallstreet.

     

    Der Begriff des Auktionshauses ist so alt wie die MMOs selbst. Während man früher häufig seine Waren selbst angeboten hat und man sich in einen speziellen NPC-Modus schalten musste, heißt die virtuelle Ablage heute schlicht „Das Auktionshaus“. Was dort herumschwirrt, nennt man „Händler“. Dass dieser Begriff sehr großzügig ausgelegt werden muss, versteht jeder, der ein Minimum an Verständnis für Wirtschaft hat. Was dort nämlich geschieht, hat die Spannweite von „naiv“ bis „Massenvernichtungswaffe“. Die zwei häufigsten Typen sind…

     

    1. A) Der chronische Unterbieter
    2. B) Der Marktmanipulierer

     

    Wollen wir uns diese zwei Typen im Detail anschauen, um gemeinsam etwas Wichtiges zu erfahren. Fangen wir an:

     

    Erstens: Der chronische Unterbieter

    Dieser Typ Händler ist das, was bleibt, wenn man sich vom Verstand verabschiedet hat und zum Spielen ein Lätzchen tragen muss. Der chronische Unterbieter ist eine besondere Spezies: So steht man nichts ahnend vor dem Auktionshaus, stöbert in den Angeboten herum, da rennt ein vollgepackten Wesen laut schreiend „PLATZ DAAAA, ICH HAB ES EILIG!“ vorbei, wirft alles hin und blickt mit funkelnden Augen in das Auktionshaus.

    Dann fängt er an, im Akkord, seine Waren zu etikettieren und wirft diese dann ins Auktionshaus. Für diesen Moment ist der ganze Server überlastet, weil an der Handelsplattform mehr Aktivität herrscht als bei einer Babyklappe in der Nähe einer Schule.

     

    Das Problem ist nicht einmal die Frequenz, das Problem ist: Der Unterbieter bietet seine Waren chronisch unter Wert an und zwar immer günstiger als der Rest der Anbieter. Das ist an sich völlig verständlich, da jeder seine Waren so am ehesten loswird, da wiederum Käufer gerne nach Preis sortieren.

    Das Problem ist, dass die Zahl der chronischen Unterbieter immens ist: Jeder, der nachrückt, treibt den Preis weiter nach unten. Es ist, als ob ein Bieterkrieg dahingehend explodiert, wer die Ware am ehesten gratis loswerden kann. Dies führt dazu, dass der Gewinn weiter schrumpft.

     

    Jetzt möchte man sagen, dass das der normale Weg für Angebot und Nachfrage ist. Man wäre auch geneigt, dem zuzustimmen. Doch wird dabei allzu leicht vergessen, dass die Wirtschaft teilweise extern über eine zu große Goldmenge bedingt durch Goldseller gedopt ist. Das verzerrt die Preise und führt zu einer unterschiedlichen Wahrnehmung dessen, wieviel einem eine Spielstunde Farmaufwand wert ist.

    Dies, wiederum, führt dazu, dass die günstigen Waren automatisch ausgekauft werden und das Kleinhirn unseres chronischen Unterbietertierchens regelmäßig einen Belohnungsimpuls erhält, was ihn antreibt, so weiter zu machen.

     

    Während dies alles bei bestimmten Einmal-Gegenständen wie beispielsweise Rüstungen verständlich wäre, ist es dies gerade bei Verbrauchsgüter für das Handwerk nicht.

    Und genau das ist das Problem: Auf diese Weise werden Waren, die ohnehin in größeren Mengen ausgekauft werden, unnötigerweise im Preis gesenkt. Da die Versorgung mit diesen Items teilweise auch zufällig über Kisten oder Questbelohnung geschieht, wird der Spieler auch so schnell nicht abgestraft – wieso auch?

     

    Die, die ihre Waren regulär erwirtschaften, meistens als gute Bauern auf dem Loot-Feld, werden dadurch ihrer Motivation beraubt und das, wiederum, könnte dafür sorgen, dass die Versorgung mit Gütern ins Stocken gerät, die Preise steigen und alles wird wieder normal. Aber bis dahin fallen die Preise. Zunächst. Derweil warten die Profis ab, bis die Preise wieder steigen.

     

    Das könnte schneller geschehen, als man denkt. Denn im Windschatten der chronischen Unterbieter hat sich eine ganz andere Lebensform angesiedelt:

     

    Zweitens: Der Marktmanipulierer

    Diese Menschen gehören einer ganz besonderen Gattung an und ihr Ansehen schwankt zwischen Bewunderung und Hass, wobei man fairerweise erwähnen muss, dass die erwähnte „Bewunderung“ eher eine morbide Faszination ist, so wie für einen Serienmörder oder einem Krötenvergewaltiger, der nachts an unbeleuchteten Krötentunneln nach wehrlosen Krötendamen Ausschau hält und.. Sekunde, zurück zum Thema.

     

    Jedenfalls sind Marktmanipulierer oder auch kurz „M&Ms“ Auktionshausteilnehmer, die frühzeitig erkannt haben, dass eine künstliche Verknappung zu einem Anstieg der Preise führt. Dies heißt nichts anderes, als dass diese Spieler im kleinen oder auch im großen Stil Waren auskaufen um diese dann verteuert ins Auktionshaus zurückzustellen.

     

    Einige von ihnen sehen die Ursache für derlei Handlung als wirtschaftliche Notwehr an. Sie sind besorgte Spieler. Sie sind Wirtschaftlich Erzürnte gegen die Entwertung des Auktionshauslandes oder auch kurz: Wegeda.

    Die Wegedas oder auch „Weganer“ gehören der „Das darf man doch noch mal machen“-Fraktion an und sorgen mit ihrem Einsatz regelmäßig dafür, dass die Waren wieder im Preis korrigiert werden. Wenn das dann noch einen Gewinn bringt, hey, dann ist daran doch nichts verkehrt. Immerhin hat der gute Weganer viel Zeit investiert und das muss schließlich belohnt werden – von Nichts kommt eben Nichts.

     

    Dem gegenüber steht die zweite Untergruppe der Marktmanipulierer: Diese sind ehrlich genug einfach zuzugeben, dass sie schlicht und ergreifend am Markt teilnehmen, um Gewinn zu erwirtschaften. Wenn ein paar Idioten den wahren Warenwert nicht begreifen, muss man diese eben daran erinnern und das Ruder selbst in die Hand nehmen. Und was der wahre Wert ist: Das entscheidet der Manipulierer ganz allein, denn es gibt, dank seiner Finanzkraft, eventuell keinen Konkurrenten.

     

    Und genau das ist der Grund, wieso Angebot und Nachfrage hier ausgehebelt werden und man von Manipulation reden muss: Wenn so viel Geld kreist, dass gerade der Rohstoffmarkt für das Handwerk verzerrt wird, dann verliert das Auktionshaus seinen Sinn. Das einzige, was helfen könnte, wäre, wenn die chronischen Unterbieter anfangen würden, ihren Fokus auf Gewinnmaximierung zu legen statt die Auktionshäuser als Ersatzablage für ihr Inventar zu sehen. So würde die Geldmenge steigen und mehr reiche Spieler an den Markt drängen, die ihrerseits mitmischen könnten.

     

    Aber dann wären es keine chronischen Unterbieter mehr und daher bleibt alles beim Alten.

     

     

    Und genau das ist der Punkt:

    Beide Varianten benötigen sich. Der Unterbieter will seine Waren loswerden, während ihm der Massenhändler dabei nur zu gern behilflich ist, um seinerseits einen günstigen Hebel zu haben, den er dann geschickt einsetzt. Damit dann wieder der chronische Unterbieter diesen neuen, höheren Preis unterbieten kann – so geht das Spielchen immer weiter. So werden Waren teurer bis zu dem Punkt, an dem keiner mehr sie aufkaufen mag und der Letzte Verluste einfährt.

    Das ist eben Spekulation und wir sollten uns damit abfinden, dass jeder einer dieser bösen Hedgefond-Manage sein kann, auf die man nur zu gerne schimpft. Es ist kein genetischer Defekt, der nur abseits vom Spiel greift, sondern jeden. Weil das Karussell menschlich ist.

     

    Es gibt noch eine dritte Variante, die des umsichtigen Spielers. Das sind jene, die aus den Fehlern der anderen lernen. Aber… die sind furchtbar langweilig und schließlich ist das alles nur ein Spiel.

     

    Oder etwa nicht?