• 12. September 2015 - 10:55
  • namidh
  • Licht und Schatten (12.09.2015)

    „Nachtschatten“

     

    Das Leben ist ein Spiel und wo, wenn nicht in MMOs, kann das wohl eher die Wahrheit sein? Wir verbringen viel Zeit miteinander, wir lachen oder weinen, es entstehen Freundschaften oder auch Schlimmeres. Manch einer wird mit der Zeit verbittert und andere bloggen über den alltäglichen Wahnsinn – die ganz Verbitterten verfassen Glossen unter lachhaften Pseudonymen.

    Uns alle verbindet, dass wir MMOs nur aus einem Grund spielen: Weil wir nicht allein sein wollen – und das jeder auf seine Weise. Der eine spielt, um Freundschaften zu knüpfen – der andere, um nicht mehr als geisteskrank betitelt zu werden, wenn er sich über die Umgebung aufregt, die ja dann tatsächlich aus Mitmenschen besteht.

    Aber wir benötigen alle den anderen und wir akzeptieren dies als Selbstverständlichkeit – manchmal als Frustauslöser oder als Gefühl höchsten Glücks. Aber woran wir nicht denken, nicht denken wollen, ist die Vergänglichkeit all dessen.

     

    Was ist, wenn eines Tages nichts mehr so ist, weil jemand nicht mehr ist?

     

    Gilden, Sippen, Stämme – all das sind Begriffe für Bindungen unter einem Banner. Wir identifizieren uns ein Stück weit mit der Gemeinschaft und wir signalisieren damit, dass wir willens sind, uns ein Stück weit zu öffnen, um selbst daraus Gewinn zu schlagen. Der schnellste ist hierbei der gemeinsame Spaß, das Lachen am Abend, wenn man von einem harten Tag zurückkommt und wir uns freuen, dass da jemand ist, der uns zum Lachen bringt, der uns ablenkt, der einfach nur da ist.

    Sicher, ein Partner übernimmt diese Funktion auch, aber als Ergänzung ist es nicht verkehrt, in zweifacher Hinsicht abschalten zu können: Durch Eintauchen in eine andere Welt und das mit Leuten, die man mag.

     

    Wir sind sehr vertieft in die Dinge, wir lassen uns gerne treiben und verlieren ungern einen Augenblick an das, was geschehen könnte. Als Leiter einer Gemeinschaft fragt man sich dies ständig – sofern einem daran liegt. Man verdrängt die Antwort darauf, weil sie einem Angst macht und vielleicht ein Stück weit in die Realität zurücktreibt – und das, obwohl alles nur ein Spiel sein sollte.

    Aber das ist es nicht, ist es nie. Die einzig wahre Komponente eines jeden MMOs ist, neben dem Geld, der Mensch selbst. Sie sind der Anker, der uns einerseits in der fiktiven Welt hält und andererseits davon abhält, uns in den Weiten der MMO-Welten zu verlieren. Wir reisen gerne zu zweit, zu dritt. Und wir haben Angst davor, was geschieht, wenn einer das Boot verlässt. Also verdrängen wir es, schieben es weit von uns weg, werfen es über Bord, weg damit.

     

    Bis es eines Tages wieder angeschwemmt wird. Vielleicht dann, wenn wir nicht damit rechnen. Wollen.

     

    Vor Jahren kannte ich einen Spieler. Er war ein guter Spieler, ein hilfsbereiter Mensch. Nicht die Art „Hilfsbereitschaft“, die man später gerne in den Erinnerungen verklärt. Nein, er hatte eine gute Seele, bisweilen ehrgeizig, aber das sind die Guten häufig.

    Eines Tages verschwand er und wir fragten uns alle, wo er abgeblieben war. Der Server war klein, die MMO-Welt war früher wirklich nur ein Dorf.

    Eines Tages erfuhren wir, dass er gestorben war. Herzinfarkt, Mitte 40.

     

    Uns traf es. Alle. Sogar die Hofnarren hielten inne – ich weiß es, denn auch ich habe geschwiegen. Wie viele andere auch, die dachten, er hätte sich nur vom Spiel verabschiedet. Das hatte er auch, nur eben für immer. Diese Erkenntnis traf mich damals wie ein Blitz, aber mehr als das war es die Erkenntnis, war es die Anteilnahme aller. Ich weiß nicht, ob man dies eines Tages auch für mich veranstalten würde, aber was ich weiß ist, dass für einen kurzen Augenblick nur und über alle Animositäten hinweg, egal welcher Seite und Gilde angehörend, sich jeder darin einig war, dass ein Spieler verschwunden war. Für immer.

    Egal wie Zynismus-getränkt mein Weltbild sein mag, so gibt es nichts, was den Glauben an die Menschheit so gut wiederherstellt wie Anteilnahme. Ehrliche Anteilnahme. Das macht Spiele real, das hebt die Sache auf eine Stufe, die niemand leugnen kann, egal welche Ansicht man vertritt. Von „passiert, so ist das Leben“ bis hin zu „Verdammt, ich habe mir die Zeit genommen, ihn wirklich kennen zu lernen“.

     

    Aber es muss nicht immer das Ableben sein. Manchmal sind es völlig banale Dinge, die dafür sorgen, dass sich unsere Pfade trennen: Wechsel des Spiels oder einfach nur der Gemeinschaft, bzw. aber auch Serverzusammenlegungen. Menschen sind weg und wenn der tägliche Chat entfällt, wohin wird die Reise weitergehen und… mit wem? Wo sind diese Menschen später?

     

    MMOs sind eben doch wie das wahre Leben – eben nur alles schneller, konzentrierter, intensiver. Es ist ein Mikrokosmos des Zwischenmenschlichen, eine Petrischale der Gefühle und wir wissen nie, ob wir denjenigen, den wir gerade noch zum Mond geschossen haben, vielleicht morgen noch sehen? Menschen kommen und gehen, was wir sehen ist vielleicht nur noch ein Schatten, der vielleicht später nicht mehr ist. Etwas, was wir zu gerne ausblenden und auch etwas, womit wir konfrontiert werden.

     

    Ich habe genügend Zyniker im Leben getroffen, die nur zu gerne Dinge anbringen wie: „Die folgen dir nur bis sie keine Lust mehr haben“. Aber das ist nicht wahr. Sie folgen einem ewig, egal wohin es einen zieht, weil die Erinnerung gerne mitgenommen wird. Von all den Mitgliedern in allen Gemeinschaften habe ich immer wieder erfahren, dass jeder von sich eine Perlenkette an Bekanntschaften und mit ihnen verknüpfte Erinnerungen mit sich trägt.

     

    Niemand ist wirklich weg, ein Stück bleibt immer zurück. Aber wir müssen einem anderen Teil zugestehen, weiterziehen zu dürfen, ohne ihm oder ihr auf diesem Pfad folgen zu wollen oder zu können. Es ist ein schmerzlicher Prozess, aber ein menschlicher.

     

    Auf die Frage, wie man damit umgehen soll, gibt es viele Antworten. Wut, Schmerz, Ablehnung – aber auch Akzeptanz, Zuversicht, Hoffnung auf Rückkehr – wo eine Rückkehr möglich ist.

    Ich kenne die richtige Antwort nicht. Ich weiß nur, dass wir jede Sekunde gemeinsam genießen sollten. Denn unsere Wege könnten sich früh trennen, aber die Erinnerungen bestehen weiter. In ihnen kann man weiterleben, kann daraus lernen und sie mit anderen teilen, auf das andere mitlachen oder -weinen können. Das macht uns zu dem was wir sind: In erster Linie Menschen, dann Spieler.

     

    Ja, wir müssen akzeptieren, dass Mitspieler gehen, eines Tages verschwunden sind. Ob als einfaches Mitglied oder als Leiter einer Gemeinschaft: Wir müssen Verluste akzeptieren, wir sollten die Vergangenheit nie bereuen und uns stets an das Gute erinnern, egal wie sich die Wege später getrennt haben mögen. Wir sollten den Augenblick genießen.

     

    Gemeinsam.