• 12. September 2015 - 10:55
  • namidh

Licht und Schatten (12.09.2015)

„Nachtschatten“

 

Das Leben ist ein Spiel und wo, wenn nicht in MMOs, kann das wohl eher die Wahrheit sein? Wir verbringen viel Zeit miteinander, wir lachen oder weinen, es entstehen Freundschaften oder auch Schlimmeres. Manch einer wird mit der Zeit verbittert und andere bloggen über den alltäglichen Wahnsinn – die ganz Verbitterten verfassen Glossen unter lachhaften Pseudonymen.

Uns alle verbindet, dass wir MMOs nur aus einem Grund spielen: Weil wir nicht allein sein wollen – und das jeder auf seine Weise. Der eine spielt, um Freundschaften zu knüpfen – der andere, um nicht mehr als geisteskrank betitelt zu werden, wenn er sich über die Umgebung aufregt, die ja dann tatsächlich aus Mitmenschen besteht.

Aber wir benötigen alle den anderen und wir akzeptieren dies als Selbstverständlichkeit – manchmal als Frustauslöser oder als Gefühl höchsten Glücks. Aber woran wir nicht denken, nicht denken wollen, ist die Vergänglichkeit all dessen.

 

Was ist, wenn eines Tages nichts mehr so ist, weil jemand nicht mehr ist?

 

Gilden, Sippen, Stämme – all das sind Begriffe für Bindungen unter einem Banner. Wir identifizieren uns ein Stück weit mit der Gemeinschaft und wir signalisieren damit, dass wir willens sind, uns ein Stück weit zu öffnen, um selbst daraus Gewinn zu schlagen. Der schnellste ist hierbei der gemeinsame Spaß, das Lachen am Abend, wenn man von einem harten Tag zurückkommt und wir uns freuen, dass da jemand ist, der uns zum Lachen bringt, der uns ablenkt, der einfach nur da ist.

Sicher, ein Partner übernimmt diese Funktion auch, aber als Ergänzung ist es nicht verkehrt, in zweifacher Hinsicht abschalten zu können: Durch Eintauchen in eine andere Welt und das mit Leuten, die man mag.

 

Wir sind sehr vertieft in die Dinge, wir lassen uns gerne treiben und verlieren ungern einen Augenblick an das, was geschehen könnte. Als Leiter einer Gemeinschaft fragt man sich dies ständig – sofern einem daran liegt. Man verdrängt die Antwort darauf, weil sie einem Angst macht und vielleicht ein Stück weit in die Realität zurücktreibt – und das, obwohl alles nur ein Spiel sein sollte.

Aber das ist es nicht, ist es nie. Die einzig wahre Komponente eines jeden MMOs ist, neben dem Geld, der Mensch selbst. Sie sind der Anker, der uns einerseits in der fiktiven Welt hält und andererseits davon abhält, uns in den Weiten der MMO-Welten zu verlieren. Wir reisen gerne zu zweit, zu dritt. Und wir haben Angst davor, was geschieht, wenn einer das Boot verlässt. Also verdrängen wir es, schieben es weit von uns weg, werfen es über Bord, weg damit.

 

Bis es eines Tages wieder angeschwemmt wird. Vielleicht dann, wenn wir nicht damit rechnen. Wollen.

 

Vor Jahren kannte ich einen Spieler. Er war ein guter Spieler, ein hilfsbereiter Mensch. Nicht die Art „Hilfsbereitschaft“, die man später gerne in den Erinnerungen verklärt. Nein, er hatte eine gute Seele, bisweilen ehrgeizig, aber das sind die Guten häufig.

Eines Tages verschwand er und wir fragten uns alle, wo er abgeblieben war. Der Server war klein, die MMO-Welt war früher wirklich nur ein Dorf.

Eines Tages erfuhren wir, dass er gestorben war. Herzinfarkt, Mitte 40.

 

Uns traf es. Alle. Sogar die Hofnarren hielten inne – ich weiß es, denn auch ich habe geschwiegen. Wie viele andere auch, die dachten, er hätte sich nur vom Spiel verabschiedet. Das hatte er auch, nur eben für immer. Diese Erkenntnis traf mich damals wie ein Blitz, aber mehr als das war es die Erkenntnis, war es die Anteilnahme aller. Ich weiß nicht, ob man dies eines Tages auch für mich veranstalten würde, aber was ich weiß ist, dass für einen kurzen Augenblick nur und über alle Animositäten hinweg, egal welcher Seite und Gilde angehörend, sich jeder darin einig war, dass ein Spieler verschwunden war. Für immer.

Egal wie Zynismus-getränkt mein Weltbild sein mag, so gibt es nichts, was den Glauben an die Menschheit so gut wiederherstellt wie Anteilnahme. Ehrliche Anteilnahme. Das macht Spiele real, das hebt die Sache auf eine Stufe, die niemand leugnen kann, egal welche Ansicht man vertritt. Von „passiert, so ist das Leben“ bis hin zu „Verdammt, ich habe mir die Zeit genommen, ihn wirklich kennen zu lernen“.

 

Aber es muss nicht immer das Ableben sein. Manchmal sind es völlig banale Dinge, die dafür sorgen, dass sich unsere Pfade trennen: Wechsel des Spiels oder einfach nur der Gemeinschaft, bzw. aber auch Serverzusammenlegungen. Menschen sind weg und wenn der tägliche Chat entfällt, wohin wird die Reise weitergehen und… mit wem? Wo sind diese Menschen später?

 

MMOs sind eben doch wie das wahre Leben – eben nur alles schneller, konzentrierter, intensiver. Es ist ein Mikrokosmos des Zwischenmenschlichen, eine Petrischale der Gefühle und wir wissen nie, ob wir denjenigen, den wir gerade noch zum Mond geschossen haben, vielleicht morgen noch sehen? Menschen kommen und gehen, was wir sehen ist vielleicht nur noch ein Schatten, der vielleicht später nicht mehr ist. Etwas, was wir zu gerne ausblenden und auch etwas, womit wir konfrontiert werden.

 

Ich habe genügend Zyniker im Leben getroffen, die nur zu gerne Dinge anbringen wie: „Die folgen dir nur bis sie keine Lust mehr haben“. Aber das ist nicht wahr. Sie folgen einem ewig, egal wohin es einen zieht, weil die Erinnerung gerne mitgenommen wird. Von all den Mitgliedern in allen Gemeinschaften habe ich immer wieder erfahren, dass jeder von sich eine Perlenkette an Bekanntschaften und mit ihnen verknüpfte Erinnerungen mit sich trägt.

 

Niemand ist wirklich weg, ein Stück bleibt immer zurück. Aber wir müssen einem anderen Teil zugestehen, weiterziehen zu dürfen, ohne ihm oder ihr auf diesem Pfad folgen zu wollen oder zu können. Es ist ein schmerzlicher Prozess, aber ein menschlicher.

 

Auf die Frage, wie man damit umgehen soll, gibt es viele Antworten. Wut, Schmerz, Ablehnung – aber auch Akzeptanz, Zuversicht, Hoffnung auf Rückkehr – wo eine Rückkehr möglich ist.

Ich kenne die richtige Antwort nicht. Ich weiß nur, dass wir jede Sekunde gemeinsam genießen sollten. Denn unsere Wege könnten sich früh trennen, aber die Erinnerungen bestehen weiter. In ihnen kann man weiterleben, kann daraus lernen und sie mit anderen teilen, auf das andere mitlachen oder -weinen können. Das macht uns zu dem was wir sind: In erster Linie Menschen, dann Spieler.

 

Ja, wir müssen akzeptieren, dass Mitspieler gehen, eines Tages verschwunden sind. Ob als einfaches Mitglied oder als Leiter einer Gemeinschaft: Wir müssen Verluste akzeptieren, wir sollten die Vergangenheit nie bereuen und uns stets an das Gute erinnern, egal wie sich die Wege später getrennt haben mögen. Wir sollten den Augenblick genießen.

 

Gemeinsam.

 

  • 6. September 2015 - 10:52
  • namidh

Licht und Schatten (05.09.2015)

„Das Auktionshausspiel“

Was haben Lotro, WoW, SWToR und die Mafia gemeinsam? Richtig: eine solide Geschäftsgrundlage, nette Menschen und jede Menge Spaß in der Freizeit.

Damit auch jeder Spaß in der Freizeit haben kann, gibt es interessante Freizeitaktivitäten. Da wäre zum Beispiel das Töten von Gegnern, das Aufbessern der eigenen Finanzen durch die Jagd nach Beute und das Bilden von Familien. Gut, bei der Mafia wird man selten die GMs anrufen um lästige Gegner zu neutralisieren, da regelt man die Dinge selbst – doch sonst gibt es viele Gemeinsamkeiten.

Eine weitere ist das Mitmischen im Auktionshaus und was in MMOs für Subjekte herumwandern, ist allein schon um ein Vielfaches krimineller als das wahre Leben. Willkommen in der wunderbaren Welt der Auktionshaus-Wallstreet.

 

Der Begriff des Auktionshauses ist so alt wie die MMOs selbst. Während man früher häufig seine Waren selbst angeboten hat und man sich in einen speziellen NPC-Modus schalten musste, heißt die virtuelle Ablage heute schlicht „Das Auktionshaus“. Was dort herumschwirrt, nennt man „Händler“. Dass dieser Begriff sehr großzügig ausgelegt werden muss, versteht jeder, der ein Minimum an Verständnis für Wirtschaft hat. Was dort nämlich geschieht, hat die Spannweite von „naiv“ bis „Massenvernichtungswaffe“. Die zwei häufigsten Typen sind…

 

  1. A) Der chronische Unterbieter
  2. B) Der Marktmanipulierer

 

Wollen wir uns diese zwei Typen im Detail anschauen, um gemeinsam etwas Wichtiges zu erfahren. Fangen wir an:

 

Erstens: Der chronische Unterbieter

Dieser Typ Händler ist das, was bleibt, wenn man sich vom Verstand verabschiedet hat und zum Spielen ein Lätzchen tragen muss. Der chronische Unterbieter ist eine besondere Spezies: So steht man nichts ahnend vor dem Auktionshaus, stöbert in den Angeboten herum, da rennt ein vollgepackten Wesen laut schreiend „PLATZ DAAAA, ICH HAB ES EILIG!“ vorbei, wirft alles hin und blickt mit funkelnden Augen in das Auktionshaus.

Dann fängt er an, im Akkord, seine Waren zu etikettieren und wirft diese dann ins Auktionshaus. Für diesen Moment ist der ganze Server überlastet, weil an der Handelsplattform mehr Aktivität herrscht als bei einer Babyklappe in der Nähe einer Schule.

 

Das Problem ist nicht einmal die Frequenz, das Problem ist: Der Unterbieter bietet seine Waren chronisch unter Wert an und zwar immer günstiger als der Rest der Anbieter. Das ist an sich völlig verständlich, da jeder seine Waren so am ehesten loswird, da wiederum Käufer gerne nach Preis sortieren.

Das Problem ist, dass die Zahl der chronischen Unterbieter immens ist: Jeder, der nachrückt, treibt den Preis weiter nach unten. Es ist, als ob ein Bieterkrieg dahingehend explodiert, wer die Ware am ehesten gratis loswerden kann. Dies führt dazu, dass der Gewinn weiter schrumpft.

 

Jetzt möchte man sagen, dass das der normale Weg für Angebot und Nachfrage ist. Man wäre auch geneigt, dem zuzustimmen. Doch wird dabei allzu leicht vergessen, dass die Wirtschaft teilweise extern über eine zu große Goldmenge bedingt durch Goldseller gedopt ist. Das verzerrt die Preise und führt zu einer unterschiedlichen Wahrnehmung dessen, wieviel einem eine Spielstunde Farmaufwand wert ist.

Dies, wiederum, führt dazu, dass die günstigen Waren automatisch ausgekauft werden und das Kleinhirn unseres chronischen Unterbietertierchens regelmäßig einen Belohnungsimpuls erhält, was ihn antreibt, so weiter zu machen.

 

Während dies alles bei bestimmten Einmal-Gegenständen wie beispielsweise Rüstungen verständlich wäre, ist es dies gerade bei Verbrauchsgüter für das Handwerk nicht.

Und genau das ist das Problem: Auf diese Weise werden Waren, die ohnehin in größeren Mengen ausgekauft werden, unnötigerweise im Preis gesenkt. Da die Versorgung mit diesen Items teilweise auch zufällig über Kisten oder Questbelohnung geschieht, wird der Spieler auch so schnell nicht abgestraft – wieso auch?

 

Die, die ihre Waren regulär erwirtschaften, meistens als gute Bauern auf dem Loot-Feld, werden dadurch ihrer Motivation beraubt und das, wiederum, könnte dafür sorgen, dass die Versorgung mit Gütern ins Stocken gerät, die Preise steigen und alles wird wieder normal. Aber bis dahin fallen die Preise. Zunächst. Derweil warten die Profis ab, bis die Preise wieder steigen.

 

Das könnte schneller geschehen, als man denkt. Denn im Windschatten der chronischen Unterbieter hat sich eine ganz andere Lebensform angesiedelt:

 

Zweitens: Der Marktmanipulierer

Diese Menschen gehören einer ganz besonderen Gattung an und ihr Ansehen schwankt zwischen Bewunderung und Hass, wobei man fairerweise erwähnen muss, dass die erwähnte „Bewunderung“ eher eine morbide Faszination ist, so wie für einen Serienmörder oder einem Krötenvergewaltiger, der nachts an unbeleuchteten Krötentunneln nach wehrlosen Krötendamen Ausschau hält und.. Sekunde, zurück zum Thema.

 

Jedenfalls sind Marktmanipulierer oder auch kurz „M&Ms“ Auktionshausteilnehmer, die frühzeitig erkannt haben, dass eine künstliche Verknappung zu einem Anstieg der Preise führt. Dies heißt nichts anderes, als dass diese Spieler im kleinen oder auch im großen Stil Waren auskaufen um diese dann verteuert ins Auktionshaus zurückzustellen.

 

Einige von ihnen sehen die Ursache für derlei Handlung als wirtschaftliche Notwehr an. Sie sind besorgte Spieler. Sie sind Wirtschaftlich Erzürnte gegen die Entwertung des Auktionshauslandes oder auch kurz: Wegeda.

Die Wegedas oder auch „Weganer“ gehören der „Das darf man doch noch mal machen“-Fraktion an und sorgen mit ihrem Einsatz regelmäßig dafür, dass die Waren wieder im Preis korrigiert werden. Wenn das dann noch einen Gewinn bringt, hey, dann ist daran doch nichts verkehrt. Immerhin hat der gute Weganer viel Zeit investiert und das muss schließlich belohnt werden – von Nichts kommt eben Nichts.

 

Dem gegenüber steht die zweite Untergruppe der Marktmanipulierer: Diese sind ehrlich genug einfach zuzugeben, dass sie schlicht und ergreifend am Markt teilnehmen, um Gewinn zu erwirtschaften. Wenn ein paar Idioten den wahren Warenwert nicht begreifen, muss man diese eben daran erinnern und das Ruder selbst in die Hand nehmen. Und was der wahre Wert ist: Das entscheidet der Manipulierer ganz allein, denn es gibt, dank seiner Finanzkraft, eventuell keinen Konkurrenten.

 

Und genau das ist der Grund, wieso Angebot und Nachfrage hier ausgehebelt werden und man von Manipulation reden muss: Wenn so viel Geld kreist, dass gerade der Rohstoffmarkt für das Handwerk verzerrt wird, dann verliert das Auktionshaus seinen Sinn. Das einzige, was helfen könnte, wäre, wenn die chronischen Unterbieter anfangen würden, ihren Fokus auf Gewinnmaximierung zu legen statt die Auktionshäuser als Ersatzablage für ihr Inventar zu sehen. So würde die Geldmenge steigen und mehr reiche Spieler an den Markt drängen, die ihrerseits mitmischen könnten.

 

Aber dann wären es keine chronischen Unterbieter mehr und daher bleibt alles beim Alten.

 

 

Und genau das ist der Punkt:

Beide Varianten benötigen sich. Der Unterbieter will seine Waren loswerden, während ihm der Massenhändler dabei nur zu gern behilflich ist, um seinerseits einen günstigen Hebel zu haben, den er dann geschickt einsetzt. Damit dann wieder der chronische Unterbieter diesen neuen, höheren Preis unterbieten kann – so geht das Spielchen immer weiter. So werden Waren teurer bis zu dem Punkt, an dem keiner mehr sie aufkaufen mag und der Letzte Verluste einfährt.

Das ist eben Spekulation und wir sollten uns damit abfinden, dass jeder einer dieser bösen Hedgefond-Manage sein kann, auf die man nur zu gerne schimpft. Es ist kein genetischer Defekt, der nur abseits vom Spiel greift, sondern jeden. Weil das Karussell menschlich ist.

 

Es gibt noch eine dritte Variante, die des umsichtigen Spielers. Das sind jene, die aus den Fehlern der anderen lernen. Aber… die sind furchtbar langweilig und schließlich ist das alles nur ein Spiel.

 

Oder etwa nicht?

  • 29. August 2015 - 10:48
  • namidh

Licht und Schatten (29.08.2015)

„Gibt es intelligentes Leben in den Weiten des Gruppenfinders?“

 

Ich blicke in manchen Momenten zum Himmel und überlege, wie es wäre, den Planeten zu verlassen. Einfach so, in einer Kapsel, weit weg von zuhause, auf der Suche nach einer neuen Heimat. Vielleicht gibt es ja irgendwo intelligentes Leben? Ich bezweifle nämlich, dass es auf der Erde genug davon geben mag. Und noch weniger in den endlichen Weiten des Gruppenfinders.

 

Aber eins nach dem anderen: Wollen wir kurz klären, was Gruppenfinder überhaupt sind.

Gruppenfinder sind Werkzeuge, deren einziger Zweck es ist, Spieler zusammen zu bringen um von überall auf der Welt schnell einen kleinen Sprung in die nächstbeste Instanz zu unternehmen.

An sich eine praktische Angelegenheit – sollte man meinen: Immerhin kann jeder von überall mitmachen, ohne sein Gesuch zigmal durch alle Kanäle spammen zu müssen. Um die passende Gruppenzusammensetzung nach der Heiligen Dreifaltigkeit bestehend aus Tanks, Heiler und DDs kümmern sich diese Werkzeuge in vielen MMOs auch. Wo es die Tank-Heiler-DD-Struktur nicht gibt, wird zusammengeworfen, was zumindest den Gruppenfinder bedienen konnte, ohne dabei zu sehr aus dem Mundwinkel zu sabbern

 

Jedenfalls sind diese Gruppenfinder durchdacht und nützlich. Das Problem, wie immer:

 

Der Mensch.

 

Wirklich: MMOs könnten so viel schöner sein, wenn der Mensch nicht wäre. Menschen nerven, wirklich. Und das Problem ist nicht mal die Tatsache, dass sie nerven – sie können nichts dafür, es sind eben Menschen. Das Problem ist, dass es sie einfach gibt.

Dabei habe ich wirklich versucht, sie zu verstehen: habe sie studiert, analysiert. Ich habe mir kleine Diagramme gezeichnet, aber egal was ich unternehme: Ich werde sie nie begreifen. Und warum? Weil Menschen blöd sind. Und während man normalerweise versucht, zumindest in freier Wildbahn den lautesten Idioten auszuweichen (was keine Schwierigkeit darstellt, weil sie ein Schild um den Hals tragen, das sie als Idioten outet), werden diese dem Spieler im Gruppenfinder zugewiesen. Und es gibt da die verschiedensten Idioten…

 

 

Variante 1: Der Ungeduldige

Dieser Idiot, den ich nur zu gern als Ritalinjunkie bezeichne, ist das, was übrig bleibt, wenn einem der Lehrer nicht oft genug mit dem Lineal eins übergebraten hat.

Wohlgemerkt: Ich bin gegen Gewalt an Kindern. Aber es gibt Augenblicke, da würde man am liebsten das Kind und die Erzeuger auf eine einsame Insel mit ihresgleichen verbannen. Doch man macht es nicht und was ist die Quittung?

Richtig, man darf via Gruppenfinder die personifizierten Erziehungsfehler korrigieren. Der Ungeduldige ist dabei recht anstrengend, denn er verliert keine Zeit.

 

Er springt in die Instanz und das erste, was er macht ist, ständig damit zu nerven, warum nicht der nächste Gegner geholt wird. Das signalisiert er dadurch, dass er ständig vorrennt und zu zaubern beginnt, während der Tank keuchend hinterherdackelt in der Hoffnung, er möge bald einfach umfallen und sterben.

 

Der Ungeduldige fackelt nicht lange, er ist ein Macher. Er peitscht die Meute an, er weiß alles besser. Sein Gehirn schaltet schneller als das der anderen, er ist wie ein Autobahnfahrer, der vier Tage am Stück 200 Sachen gefahren ist und sich dann wundert, wieso er in der Ausfahrt plötzlich die Leitplanke knutscht.

Der Ungeduldige weiß eben, wie es geht und wer es nicht weiß, der kann am besten gestern schon von der Gruppe gekickt werden.

 

Der Lieblingssatz des Ungeduldigen ist: „Was dauert hier so lange“ – weniger als Frage, mehr als eine Art Weckruf. Sie sind die ersten, die nach einem Wipe die Gruppe verlassen in der Hoffnung, irgendwo komme irgendwann die bessere Gruppe. Dafür nimmt der Ungeduldige auch gerne Wartezeit in Kauf – na wenn das keine Ironie ist…

 

 

Variante 2: Der Blümchenpflücker

Raser auf der Autobahn, die links und rechts überholen und sich für die Nachgeburt von Senna, Schuhmacher und Konsorten halten, sind schon schlimm. Aber die, die mit Tempo 120 auf der Überholspur dahinkriechen sind der Grund, warum man sich gerne vormontierte Waffen an die Karre wünscht. Nur zu gerne würde man diese sanft, aber bestimmt von der Straße ballern.

 

Genauso gerne feuern würde man die Blümchenpflücker. Ich habe diese Menschen furchtbar lieb – sie sind übervorsichtig, zurückhaltend und begutachten liebevoll die Bodentexturen, während sie sich Notizen für ihr Pony-Tagebuch machen.

 

Schöne Sache. Das Problem ist, dass Gruppenfinder Instanz-Quickies sind. Wer sein Gegenüber küssend in die nächste Toilette rammt, stoßt sie nicht nach hinten um dann: „Los, erzähl mir was über deine Familie, dein Leben, deine Sehnsüchte, du Sau!“ zu brüllen.

 

Aber genau das machen die Blümchenpflücker: Sie sind nicht nur äußerst langsam, gehen zwischendurch AFK oder führen inmitten einer Belagerung durch Spinnen eine Unterhaltung über die neue Robenmode des Sommers 2015. Nein, sie haben dies zu einer Religion erhoben, setzen sich für Entschleunigung und homöopathisches Spielen ein.

Blümchenpflücker sind das natürliche Anti-Aphrodisiakum, sind Omas Stützstrümpfe in der Ehenacht. Nach den übertakteten Schnellschuss-Spielern sind die Bremsklötze meine liebste Gruppe. Aber sie sind nicht das personifizierte Böse.

 

 

Variante 3: Die Unvorbereiteten

Darf ich vorstellen: Das personifizierte Böse.

 

Die Unvorbereiteten sind nicht die, die zunächst wenig über eine Instanz wissen: Sowas ist normal, kommt vor, jeder muss lernen, etc. pp.

Nein, die Unvorbereiteten sind jene, die eine unglückliche Kombination aus Unwissenheit und schlechter Ausrüstung mitbringen. Sie wissen, dass sie die schwere Variante einer Instanz gewählt haben, sie wissen, dass sie in den Krieg gegen Terminatoren ziehen werden und haben eine Steinschleuder und einen Monokini dabei. Es gibt Spieler, die werden zwischendurch von umherfliegenden Holzssplittern erschlagen und heulen dann dem Tank und dem Heiler die Taschentücher voll, warum sie schon wieder gestorben sind. Sie wissen nichts, lesen nichts, haben sich aus Spaß gelistet. Sie sind wie Gelegenheitsfahrer, die in einen Formel-1-Wagen steigen und auf der Strecke die Durchfahrt einer Spielstraße üben.

 

Wer wider besseren Wissens eine Instanz betritt, von der er weiß, dass er ausrüstungstechnisch hoffnungslos unterlegen ist, macht dies – von gelegentlichen Ausrutschern abgesehen – nur aus einem Grund: Er ist eine Zecke, die sich von der Geduld anderer ernährt. Das klappt auch solange gut, solange es Menschen gibt, die immer wieder erneut an das Gute im Menschen glauben. Doch wehe ihm, wenn er auf Variante 4 stößt

 

 

 

Variante 4: Der Progamer

Progamer wissen alles besser, sind meistens auch noch ungeduldig und geben ihr Wissen erst nach dem Wipe weiter – wenn überhaupt. Sie geben sich nur aus Langeweile mit dem Gruppenfinder-Pack ab, spielen jedoch in ihrer eigenen Liga. Sie mögen Menschen nur, wenn alles genauso routiniert durchgeführt wird wie in seinen Stammgruppen.

 

Leider ist der Programer mental häufig verkalkt. Für alternative Taktiken ist er kaum zu haben, weil das furchtbar ineffizient wäre. Das bedeutet auch, dass diese Personen die ersten sind, die nach einem Wipe die Gruppe verlassen, noch bevor jemand die Frage stellen kann, was man optimieren könne. Selbst wenn es gelänge, spielte das keine Rolle, denn der Progamer teilt sein Wissen nur ungern weiter – teils aus Faulheit, teils auch aus der Angst heraus, das einst erworbene, ja hart erarbeitete Wissen würde in die Hände von Ungläubigen gelangen. Gott bewahre, dass das jemals geschieht!

 

Man stelle sich nur vor, die Bauern würden die da oben verstehen und sich erheben. Das ganze System wäre in Gefahr! Besser ist es, rechtzeitig zu gehen!

 

 

Variante 5: Die Holzkatze

Dieser Spieler stammt von Bergen ab. Seine Bewegungsabläufe kennt man auch unter dem Begriff der tektonischen Plattenbewegungen. Die Tatsache, dass diese verkrusteten Holzkatzen die Reaktionszeiten von komatösen Faultieren haben, ist gerade in Kämpfen, in denen schnelle Reaktion notwendig ist, eher für die Gruppe von Nachteil.

 

Dabei unternehmen die Entwickler alles, damit der Spieler weiß, wann er sich wegbewegen muss: Bosse rufen vorher, sie machen bestimmte Bewegungen, legen sogar Kreise. Himmel, fehlt nur noch, dass ein Polizeiwagen mit Sirene neben einem hält und ein Absperrband um den Kreis setzt – alles begleitet von einer Musical-Nummer, versteht sich.

 

Aber selbst dann würde der auf seine Nase schielende Jäger, der gerade einen schweren Stein an die Birne geschossen bekam, zehn Minuten später „Au“ rufen und dann langsam rückwärts umkippen.

 

In der freien Natur würden diese Wesen aber lange überleben. Kein Jäger würde eine Beute angreifen, die so offensichtlich beschädigte Ware ist, dass sogar die eigene Verdauung retardieren würde.

 

Da jagt man lieber die nächste Variante…

 

 

Variante 6: Der Besserwisser

Diese Schublade kennt man. Darf ich vorstellen: Schlaubischlumpf. Dieses Wesen ist häufig ein Eunuch: Er weiß zumindest wie es geht, ist aber ansonsten weder reaktionsschnell, noch flexibel. Er kennt zu jeder Ecke eine passende Anekdote, er hat sich verschiedene Guides zu allen Bossen gelesen und er behält dies alles leider nicht für sich.

 

Er ist die Antwort auf eine Frage, die nie gestellt wurde. Er ist der Rotstift des Lehrers. Er ist der überpräzise Fahrlehrer, der einem gerne ins Lenkrad greift. Trotzdem kann er es nicht, er weiß es nicht und weil er häufig auf /ignore-Listen wandert, wird er es nie besser wissen.

 

Doch manchmal erfährt er es doch. Wenn er nämlich noch vor dem Kick ein letztes Mal angeschrien wird von der…

 

Variante 7: Der Choleriker

Niemand weiß, woher dieser Typus kommt: Nordkoreanischer Militärkader, Stasi-Ausbildungslager, PVP. Was man aber weiß ist, dass er ein Organ hat, das selbst geschriebene Wörter geschrien wirken.

Er regt sich auf, einfach des Aufregens wegen und verliert dabei vor lauter Wut den Fokus auf die Ereignisse auf dem Schirm. Da er sich selbst aber nie anbrüllt, sondern immer nur andere, macht ihn das für die Gruppe so wertvoll und konstruktiv wie russisches Roulette mit einem vollen Magazin als Erziehungsmaßnahmen an Schulen.

 

Häufig trifft man diese Variante in Kombination mit den bisher genannten. Der Homo Cholericus führt sonst ein ruhiges Dasein im Schatten der guten Spieler. Aber wehe, wenn etwas schief läuft. Da hat der Popo aber Kirmes und das Trommelfell macht den Breakdance.

 

 

Fazit

Die ideale Gruppe zu finden ist in etwa so wie Planeten in der habitablen Zone zu finden. Für die Nicht-Astro-Fans unter uns: Das ist der schmale Grat im Weltall, in dem Leben entstehen kann: Nicht zu weit weg  und nicht zu nah an der richtigen Sonne, geschützt von großen Kometenfängern, Wasser, richtige Masse des Planeten selbst, stabile Umlaufbahn über viele Millionen Jahre, usw.

Wer meint, sowas sei im Gruppenfinder die Regel hat leider Pech gehabt, der wird nie glücklich werden.

Fakt ist, dass Gruppenfinder-Instanzen am besten nur von solchen Menschen besucht werden, die in der Lage sind, Dinge zu erklären, diese auch erklären wollen und dabei die nötige Geduld aufbringen, ggf. auch einen Austritt bei hoffnungslos minder ausgerüsteten Spielern einzuplanen.

 

Wer sich das alles vornimmt und umsetzen kann, ohne dass ihm ein Äderchen platzt, der ist mit dem Gruppenfinder bestens bedient. Der Trick besteht nicht darin, die beste Gruppe zu finden, sondern sich darauf einzustellen, jedes Mal sich die Routine erneut zu erarbeiten. Es sind eben fremde Gesichter und wer das nicht begreift, wird auch immer wieder enttäuscht werden.

 

Wer diese Gefahr nicht eingehen mag, sollte am besten gleich zuhause bleiben, statt ziellos im All umherzujagen und nie etwas zu finden…

  • 22. August 2015 - 10:42
  • namidh

Licht und Schatten (22.08.2015)

Ein Heim für Flüchtlinge“

 

Bald ist wieder Völkerwanderung angesagt: Lotro schließt einige Server. Mancher hatte es schon vor langer Zeit geahnt, während andere darum baten, keine Weltuntergangsstimmung heraufzubeschwören, während die Party so gut lief. Ist ein wenig wie beim Klimawandel eben.

Aber nun haben wir den Salat: Allen nordkoreanischen Gute-Laune-Zensurbekundungen zum Trotze, haben wir das Ding auf dem Tisch: Serverzusammenlegungen. Und die Älteren unter uns werden sich daran erinnern: Wann immer etwas zusammengelegt wird, gibt es hin und wieder Reibereien, Diskussionen um Animositäten. Manch einer fragt sich, ob es Begrüßungsgeld gibt. Andere bieten Bananen an – es gab sie ja nicht auf Vanyar. Wiederum andere zelebrieren eine richtige Willkommenskultur, während manche sich zusammenschließen um Auffanglager in Brand zu stecken. Jaja, die bösen Auktionshausflüchtlinge! – sollen die doch auf ihren Servern bleiben, ey, mir doch egal wenn die geschlossen werden. Aber echt!

 

Gott sei Dank wurde noch nicht jeder Spieler als Kind zu lang mit dem Kopf hinab gebadet. Mehrheitlich freut man sich auf die Neuen, aber als Neuer fragt man sich natürlich: Zu welchem Server darf ich wandern? Was wird mir geboten?

Nun, meistens Kopfschmerzen und Tränen. Aber wollen wir einmal zusammenfassen, was es überhaupt für Server gibt. Nicht nur im Herrn der Ringe Online, sondern auch anderswo. Fangen wir also an mit dem…

 

 

RP-Server

RP steht hier für „Rollenspiel“, kann aber auch genauso gut für „Runterputzen“ oder „Regelmäßige Polizeikontrollen“ stehen. Rollenspielserver sind ungefähr das, was bleibt, wenn man Fruchtsaftkonzentraten die Flüssigkeit nimmt: Das Rollenspiel ist auf den MMORPG-gedanken eingedampft worden, es bleibt der goldene Rollenspielschuss.

 

Wer die volle Dröhnung Liebe, Heiterkeit aber auch stereotypische GZSZ-Marienhinterhof-Sexstorys im tänzelnden Porny liebt, wird nicht drumherum kommen, diesem Server eine Chance zu geben. Die mittlere Euchse-und-Ihrse-Frequenz liegt bei 30 pro Sekunde. Die Häufigkeit der RP-Streitigkeiten tendiert zu einem ähnlichen Wert. Echauffieren ist für diese Blockwartkolonie ein Volkssport, so wie das Schreiben von Tickets. Erinnert ein wenig an die mürrische alte Dame, die am Fensterbrett die spielenden Kinder betrachtet.

 

Aber Rollenspielserver haben nicht nur gute Seiten: Tagtäglich werden dort Menschen wegen unnötiger Dinge belästigt.

So gab es mal einen Spieler, nennen wir ihn Henry, der hatte beim Interagieren mit NPCs die Angewohnheit, in ihnen zu stehen. Sofort schrien alle auf: „Ohoo, könntest du da mal raus? Auch andere wollen mit dem NPC reden“. Manch einer drohte mit dem Gartenzwerg-Paarungsruf: „TICKEEEET!“.

Aber niemand wusste, dass Henry auch im richtigen Leben Menschen beim Ansprechen regelrecht ansprang: Henry ist nun mal ohne ein Gefühl für die intime Instanz geboren worden. Als wir uns kennenlernten, sprang mir Henry in die Arme und stellte sich vor. Als ich ihm die Hand reichte, fiel er runter. Dies ist der Grund, warum Henry nicht viele Freunde hatte und ihm nur das Spiel blieb.

 

Auch sonst werden Spieler auf einem RP-Server häufig zu Unrecht verfolgt. Eine treue Gefährtin, sie hieß Rosette Lochfraß, war ganz erstaunt, als sie eines Tages plötzlich statt ihres Namens eine wirre Ansammlung von Konsonanten trug, zusammen mit einem Brief vom GM, dass sie die Vokale ja im Shop nachkaufen könne. Erstaunlich, wenn man bedenkt, wie lange Rosie mit ihrem Namen herumlief. Findet auch alter Bekannter, der seinen Namen immer noch trägt: „Kevin Kochbusen“.

Dieser proaktiven Namenssäuberung ist es zu verdanken, dass manch einer nur der Namen wegen zu den RP-Servern zieht. Diese Menschen nennt man übrigens „Namensflüchtlinge“ – nur, falls einer der Hetzer noch einen Kampfbegriff benötigt.

 

Doch davon abgesehen haben RP-Server auch etwas Positives. Die bereits erwähnte Polizei sorgt für Zucht und Ordnung. Erst letzte Woche wurde ein nicht vorschriftsmäßig durchgeführtes Emote durch sanfte Anwendung von Großbuchstabenmeldungen in allen Channels sofort gemeldet, dreihundert Tickets später war der Delinquent mit Stumpf und Stiel ausgerottet.

Wer sich aber die am Eingang angetackerten 99 Thesen durchliest und beachtet, wird auf dem RP-Server seine wahre Freude haben und wer weiß, vielleicht bald Teil einer Vergiftungsgeschichte sein?

Oh und natürlich gibt es auch auf RP-Servern Raids und Gruppenunternehmungen. Ich möchte an dieser Stelle mit dem gängigen Vorurteil aufhören, RP-Server hätten dahingehend nichts zu bieten: Das ist falsch. Erst letzte Woche wurde Moria beendet. Bei dem Tempo ist man in ungefähr drei Wochen im Düsterwald angekommen. Na denn: Auf auf, tapfere Recken!

 

 

PVE-Server

Wer genug von der Astloch-Paarung auf RP-Servern hat, den zieht es dorthin, wo die richtigen Spieler sind: PVE-Server.

PVE ist das Designerbaby für Raider. Es ist eine gedopte Version vom MMORPG-Gedanken, reduziert auf eine Rollenspielversion von Diablo 3, nur mit etwas mehr Content und höherer  Chance, auf Vollidioten zu treffen.

PVEler sind ein Völkchen für sich. Sie tragen Namen wie „Analbirne“, „Steifimschritt“ und mein Liebling: „Lord Wanderhure“. Kreativität zeigt sich auch bei der Namensfindung für Gemeinschaften: „Die dreckigen Slipeinlagen“, „Blackcock Down“ sowie „Hier könnte Ihre Werbung stehen“. Absoluter Favorit: „Sucht keine Sippe“. Nach „Doppelhaushälfte“ und“ Herrenloses Damenrad“ ein genialer Name!

 

Vor jedem NPC wird ein Wettrennen veranstaltet, wer am nächsten in ihm stehen kann. Wo das PVP nicht in Käfighaltung erfolgt, trollt man sich zusätzlich durch Markieren als PVP-Spieler in der Hoffnung, jemand möge aus Versehen ihn angreifen – da würden selbst die Teletubbies sagen, dass ihnen das zu albern sei. Aber das ist PVE in Reinkultur.

 

PVE-Spieler unterhalten sich auch ungern in ganzen Sätzen. Nie darf man Zeit verlieren: Die Kunst besteht darin, innerhalb kurzer Zeit möglichst viele Informationen unterzubringen. Diese Glosse könnte ein PVE-Spieler in nur vier Buchstaben zusammenfassen: tl;dr. Effizient, nicht wahr? Aber so ist das: Wer Relativsätze verwendet, darf nicht selten ein „Das ist ein PVE-Server, du Arschmade, geh RP, dich versteht hier keiner“ kassieren. Völlig richtig: Denn ganze Sätze sind mal sowas von späten 90ern.

 

PVE-Spieler kennen kein RP, sondern dies aus ihrem Volkskörper aus. Was auch abgesondert wird sind schlechte Spieler, darum versammeln sich auf PVE-Servern nur die besten der besten der besten! Gute Raidspieler, noch bessere Raidspieler und die Elite. Die Hoffnung darin: Eines Tages wird man die Pro-Artigkeit erkennen und ihre Raids live senden! Und sei es nur zwischen zwei Brüsten nachts im Free-TV!

Jetzt schon versuchen sich Spieler darin, wirklich jede Bewegung ihres Torsos zu senden. Die Mischung aus lauter Musik, Fips-Asmussen-Witzen und verwackelter Bilder wild umherhüpfender Spieler nennt man „Stream“. Gerade auf PVE-Servern liest man Ankündigungen wie „Heute auf Twitch: Wir töten Sauron, danach befreien wir das Imperium und am Ende wird Ronny Ruckelschritt wieder sterben, haha, watn Spaß. Und die ersten zwanzig, die ohne Schnarchen bis zum Schluss aktiv sind, erhalten einen Flughafen dazu. Ebenfalls neu: Geheime Infos zum nächsten Patch, darf ich nicht sagen, aber wir sind das Spielervolk. Freiheit für alle – schaltet ein!“…

 

…. dann doch lieber Abschalten.

 

 

Zurück zum Thema:

Das PVP auf RP-Servern ist auch nicht anders als das auf RP-Servern. Dort wie hier tummeln sich die selben Menschen, die auch sonst tagsüber stocksteife konservative Schlipsträger sind, während sie sich nachts gerne von einer Frau nackt mit den Geschlechtsmerkmalen an die Heizung tackern lassen. Es ist die Suche nach Nonkonformität – nur, dass dies auf PVE-Servern ein Allgemeinzustand ist. Der siebte Kreis der Hölle ist das PVP auf einem PVE-Server daher wirklich nicht.

 

 

PVP-Server

Der siebte Kreis der Hölle.

Wenn man je einen Beweis dafür gesucht hat, dass Gott die Welt verlassen hat, dann sind PVP-Server nach dem finsteren Mittelalter der beste Beweis.  Nur die dunkelsten aller Kreaturen sammeln sich hier. Mörder, Terroristen, Helene-Fischer-Fans: Alles, aber auch wirklich alles, was die menschliche Seele als Abgrund zu liefern hat, hat hier ein Zuhause.

 

Dieser Server ist so böse, dass er buchstäblich von allen guten Geistern verlassen wurde. Selbst Sauron wurde hier gekündigt – Zeugnis: „Er hat sich redlich bemüht, böse zu sein“.

 

Niemand mag den PVP-Server, niemand liebt ihn.

Wenn irgendwo auf Namensregeln gepocht wird, ist es der PVP-Server, der als erstes ausgeklammert wird. Wenn irgendwo unfaires Spiel durch Exploits oder Dauertötung am Friedhof Thema ist, wird der PVP-Server explizit als Ausnahme erwähnt. Himmel: Selbst in den Nutzungsbedingungen steht geschrieben, dass die Genfer-Konventionen für PVP-Server ausgesetzt worden sind.

 

Hier, im virtuellen Guantanamo, wo sich Häftling, Wärter und Autobatterie „gute Nacht“ sagen, gibt es eigentlich keinen ernsthaften Grund, auf das Edle im Menschen zu pochen. Dies ist die Brücke aller Trolle dort draußen. Wer immer auf Fairness hofft, kann auch in der Kloschüssel nach Gold suchen. Jeder kann ständig angegriffen werden, die Paranoia ist ein dichter Nebel. Kinder verspeisen ihre Mütter aus Angst, bald Opfer zu sein!

 

Bei der Namensfindung ist alles erlaubt. Vom „Darkkillaz“ über „Meuchelmörder“ hin zu „Trompetentony“ ist alles dabei. Anders als beim RP-Server, wo jede zweite Gemeinschaft irgendwas mit Licht oder Ritter oder Recht oder Wahrheit im Namen trägt, heißen die Communitys hier irgendwie besonders gefährlich oder besonders lustig. Jedenfalls geht es ums Extreme und das ist der wohl wichtigste Punkt. Mittelmäßigkeit ist was für PVE- oder RP-Pussies.

 

Auch hier kommuniziert man kurz und direkt. Für Nettigkeiten ist kein Platz, das ist was für Schwache. Auf einem PVP-Server ist nur Platz für Männer oder Frauen, die sich zwischen zwei Bodybuilding-Runden Testosterontorpedos reinpfeifen. Für Mamasöhnchen gibt es, wie bereits erwähnt, andere Server.

 

PVE findet auf PVP-Servern natürlich auch statt, nur gehört es zum Paarungsritutal dazu, sich vor jedem Instanzeingang zu becampen, selbst wenn die meisten auf das Zerg-PVP gar keinen Bock haben.

Dies ist auf eine unglückliche Kombination aus übergroßen Testikeln und Herdentrieb zurückzuführen. Wie bei einer Kneipenschlägerei, die am Ende in einen Bürgerkrieg ausartet, gibt es zuerst Hans-Adolf, der unbedingt irgendwen anprügeln muss. Daraufhin heilt Heinrich den Angeprügelten, was aber Jospeh nicht so pralle findet. Es artet aus und irgendwann, wann der Raidleader schon gar keine Stimme mehr hat, geht der eigentliche Raidspaß los.

Um diese Verspätung auszugleichen, werden eigentlich für 20 Uhr geplante Raids bereits um 14 Uhr angesetzt.

 

 

 

PVP-RP-Server

Der Server für Feingeister. Im Grunde so wie PVP-Server, nur dass man vor jedem Trollen nett begrüßt und nachher ordentlich begraben wird, mit anschließender Trauerfeier und dem daraufhin folgenden Meucheln aller Teilnehmer. Es ist der Versuch, etwas Nettigkeit in den ansonsten tristen Alltag zu bringen.

Da aber weder RP-Spieler besondere Lust auf die PVP-Trolle, noch die PVPler Lust auf die RP-Gartenzwerge haben, findet das Paarungsmeuchelritual entweder auf einer sehr persönlichen Ebene oder, bestenfalls, gar nicht erst statt. Nicht selten sind dies daher die ersten Server, die geschlossen werden. Beide Welten passen nicht wirklich zusammen. Das ist eben das Leben, nicht alles passt zusammen: Die Eissorten Bier-Bärlauch, Mango-Seestern und Humus-Hummel gibt es nicht ohne Grund nicht.

 

 

Fazit

Dies waren erst einmal die wichtigsten Serverarten. Für jeden ist etwas dabei und natürlich muss man sich etwas einlesen. Wichtig ist aber, dass man sich vor Augen hält, dass wenn man stets vom Schlimmsten ausgeht, kaum ein Zuhause das Richtige ist. Gerade in einem MMO sind es die Menschen, die entscheiden, ob man sich heimisch oder fremd fühlt. Das fällt schwer, wenn man mit Brandbomben begrüßt wird – aber dann darf man sich nicht wundern, wenn man ausstirbt.

Auch darf man nicht den Fehler machen, sich von denen abschrecken zu lassen, die besonders schillernd sind. Von den Lauten auf alle zu schließen wird der Sache nicht gerecht und unter all der übelriechenden Gülle ist manch duftende Rose gewachsen.

 

Man muss ihr nur eine Chance geben.

  • 16. August 2015 - 10:25
  • namidh

Licht und Schatten (15.08.2015)

„Der Krieg kennt kein Alter“

 

Es gibt Aussagen, da möchte man am liebsten so lange den Kopf an die Wand schlagen, bis einer von beiden – Kopf oder Wand – blutet. Gott sei Dank gibt der Klügere von beiden irgendwann nach.Aber in Diskussionen geht das leider nicht: Dort regiert, wer am lautesten die Standardschubladen bedient.
Eine der beliebtesten Schubladen überhaupt ist die, wonach alles, aber auch wirklich alles, immer auf das Alter geschoben wird. Berühmt berüchtigte Aussage: „Es sind ja gerade Ferien“.

Da schrumpfen einem doch die Testikel und die Galle tanzt Tango. Und wehe, man bittet um Vernunft: Bestenfalls wird man überhört oder gar übertönt.

Heute gibt es diese Option nicht, Heute ist Tag der Abrechnung. Und wie damit abgerechnet wird. Fangen wir also an…

 

Es gibt dort draußen eine Vielzahl von Spielern und jeder hat seine Vorstellungen davon, wie man die Welt um sich herum einzuordnen hat, damit diese besser und schneller funktioniert. Das hat ganz pragmatische Gründe: Ein einfaches Weltbild hilft, sich zurechtzufinden. Das Problem ist nur, dass die Welt komplex ist. Zunächst ist sie mal rund und wenn man etwas Großes, Rundes in eine Schublade schieben will, muss man etwas zerren und drücken, manchmal etwas stutzen und schon hat man…

… ja was? Richtig: Ein falsches Weltbild. Das hat mit der Realität kaum etwas zu tun.

Daher kommen besonnene Menschen auf die Idee, das Runde aus dem Eckigen heraus zu holen und es von allen Seiten um das zu ergänzen, was dazugehört. Das geht auch ganz gut, wobei die Bauanleitung für dieses Weltbild „Empathie“ heißt – also die die Fähigkeit, sich in andere hinein zu versetzen, die Welt durch ihre Augen zu sehen.

 

Warum das aber einigen Menschen gerade im Internet und insbesondere im Zusammenhang mit dem Alter schwer fällt, mag sich mir nicht erschließen. Fehlen die Enzyme? Wurde man in der Kindheit von einem Trecker angefahren?

Gerade in MMOs wird jedes unangenehme Verhalten vor allem vermeintlichen Kindern in die Schuhe geschoben:

  • – Die Preise im Auktionshaus zu niedrig? Kinder!
  • – Dämliche Aussagen im Chat? Kinder!
  • – Brennende Hobbits? Kinder!
  • – Sauron? Kinder!
  • – Unsoziales Verhalten ganz allgemein? Kinder!

 

Ernsthaft: Wäre der zweite Weltkrieg ein MMO gewesen, man hätte den 1. September den Kindern in die Schuhe geschoben.

 

Dass das völliger Schwachsinn ist, ist klar. Aber diese Erkenntnis haben wir den Geschichtsbüchern zu verdanken – also besonnen Menschen die nachgeforscht haben. Oh und weil der zweite Weltkrieg wirklich kein MMO war. Aber das nur nebenbei

Natürlich ist nicht von der Hand zu weisen, dass Kinder zu kindischem Verhalten neigen. Deswegen heißt es auch „kindisch“. Doch dieser Klassenkampfbegriff wird einem Kind in aller Regel auch nicht vorgeworfen, sondern eher Erwachsenen, die sich nicht ihrem Alter entsprechend verhalten.

Und zum nötigen Reifegrad gehört dazu, dass man differenziert. Das ist unsere Pflicht, damit wir Erwachsenen eben nicht als „kindisch“ gelten. Kindern vorzuwerfen, sie seien kindisch, ist so, als würde man im Sommer wütend seine Hand gen Sonne heben und laut „Verdammte Leuchtkugel da oben, du bist aber auch sonnig“ brüllen.

Ja, Kinder sind kindisch, aber nicht generell und zu jeder Zeit. Rückblickend betrachtet habe ich selbst vor einigen Jahren anders gedacht und gehandelt – auf eine Weise, die mir heute fremd erscheint. Man lernt Besonnenheit, Impulskontrolle, man lernt seine Grenzen.

Doch war ich zu keinem Zeitpunkt so, wie es im Chat gerne Kindern unterstellt wird und mir sind einige – nicht pathologische – Fälle bekannt, wonach der Vorwurf des kindischen Verhaltens nun wirklich nicht angebracht gewesen wäre. Schon deswegen muss General Keule seine Schubladenkommandanten zurückrufen: Der Krieg ist abgesagt, Leute.

 

Die Kampflinie verläuft nämlich nicht zwischen Jung und Alt, sondern zwischen Unreif und Reif. Das mag zwar eng mit dem Alter korrelieren, doch muss es nicht. Allein die Tatsache, im Alltag für komplexe Sachverhalte taube Ohren zu haben und beispielsweise alles in Kind oder Erwachsen zu reduzieren, zeugt von dem Maß kindischem Verhalten, das man anderen wiederum vorwirft. Anders gesagt: Wer sich auf einer Ü30-Party bis zur Besinnungslosigkeit zusäuft und Monate später mit dem Ergebnis eines ungeschützten One-Night-Stands vor den Trümmern seiner Selbstkontrolle steht, hat jedes Recht verwirkt, den Kopf zu schütteln wenn Kinder sich entsprechend benehmen.

Wenn ich in den Chats lese: „Heute sind besonders viele Kinder unterwegs“, während ein Sippenmitglied, das deutlich über 20 ist, mit dem Namen „Scheidenpilz“ das PVP unsicher macht, dann habe ich den ultimativen Beweis dafür, wo die Trennlinie wirklich verläuft: zwischen denen und mir. Und das galt schon vor über 20 Jahren.

 

Vor weniger als 20 Jahren ist mir ein Fall zu Ohren gekommen: Da hat ein Mann, in den Vierzigern, wortlos die Sippe verlassen. Auf wiederholte Nachfrage hin kam heraus, dass er mit der Gesamtsituation unzufrieden war. Aber gesagt hat er nie was.

Um die 40, Vater von Kindern, verheiratet, mitten im Leben, benimmt sich in etwa so, wie man es von Kindern erwartet.

 

Ein anderer Fall betrifft jemanden, der auch deutlich älter als 20 ist. War Leiter einer Gilde, zu allen freundlich, gut vernetzt. Hat am Vatertag zwischen 4 und 6 Uhr morgens die Gildenbank geleert, alles verkauft, die Gilde aufgelöst, alle Kontakte in Skype und Battle.Net beendet, ist abgehauen.

 

Von den Leuten, die sich in Spielen und sozialen Netzwerken Phantasiegeschichten zu ihrem RL ausdenken, fange ich erst gar nicht an. Oder von denen, die grundsätzlich alle Preise im Auktionshaus nochmals unterbieten um ihre Ware loszuwerden, selbst wenn es sich um Verbrauchsgüter handelt, die weggehen wie warme Semmeln. Oder Spieler, die schüchternen jungen Frauen einen Raidplatz ermöglichen statt dem gut ausgebildeten Spieler, der ewig auf seine Chance wartet, bloß weil die Testikel Herr der Lage geworden sind?

 

Was ist mit dem Spieler, der auf eine lange FAQ zum Thema Rollenspielserver, bzw. wie man erst gar nicht aneckt, ein infantiles „muss ich das alles lesen“ erhält, anstatt das eigentliche Anliegen dahinter zu begreifen? Was ist generell mit der Herde gesichtsloser aber teils anerkannter Internettrolle? Manche von denen pieksen auf Kleinkinderniveau, sind aber geimpft und seit Jahrzehnten geschlechtsreif?

 

Wenn das nicht kindisches Verhalten ist, dann weiß ich es auch nicht. Und genau das ist der Knackpunkt: Man kann es nicht aufs Alter münzen. Schon gar nicht die Ferienzeit, die auch gleichzeitig immer Urlaubszeit ist. Ursache und Wirkung – zwei Dinge, die man nicht verwechseln sollte – wäre ja sonst auch kindisch.

 

Das Alter mag entsprechende Symptome ausprägen: geschenkt. Aber vom Symptom allein kann ich nicht automatisch aufs Alter schließen. Wird aber gerne gemacht, gerne auch in der Herde, wo sich manche peinlicherweise eher wie Tiere als wie Kinder verhalten. Und im Zweifelsfall sind Kinder einem dann doch lieber.

 

Oder wie wäre es, zur Verdeutlichung, mit folgendem Bild: Kleinkinder können wahre Krankheitsschleudern sein, aber das bedeutet nicht, dass jedes Kita-Kind automatisch krank ist. Im Gegenzug würde ich jeden Kollegen, der krank zur Arbeit kommt, am liebsten an die Wand nageln.

Umgekehrt kann ich den Symptomen eines Magen-Darm-Virus nicht ansehen, ob es vom Kind oder Erwachsenen kommt. Was ich aber weiß is, dass mich die Krankheit buchstäblich ankotzt. Und das ist auch völlig legitim, dagegen sagt niemand was.

 

Aber gegen übereilte Feldzüge gegen alles, was dem Papier nach nicht erwachsen ist, schon. Und im Krieg gibt es nur eine, leider traurige Wahrheit:

Krieg kennt kein Alter. Wäre es so, wäre die Welt erwachsener.

 

Ist sie aber nicht.

 

Also hört auf, euch selbst wie Kinder zu benehmen. Steht auf, werdet selbst erwachsen und lasst eure Schubladen zuhause. Damit die Welt erwachsener wird. Lernt die Kunst des Differenzierens, schlagt nach was Mitgefühl und Einfühlungsvermögen ist und lasst euch nicht von Angst und Frust leiten.

Das unterscheidet euch vom Kind, nicht die Zahl auf dem Papier, nicht eure Jahresringe unter den Augen.

 

Und schon gar nicht infantiles Verhalten.